München – Schule 4.0 ist die Überschrift eines Papiers, das ein Kuratorium von Bildungsforschern im Auftrag der Roland-Berger-Stiftung erstellt hat. Die Stiftung des ehemaligen Unternehmensberaters Roland Berger (80) fördert mit Stipendien begabte, meist aber sozial benachteiligte Schüler, oft mit einer Migrationsgeschichte. Kein Wunder also, dass aus Sicht der Stiftung die schon in den Pisa-Studien festgestellte ungerechte Verteilung der Bildungschancen das größte Problem ist. Die Stiftung bezeichnet das in dem Papier „Schule 4.0“, das unserer Redaktion vorliegt, schlichtweg als „Drama“. Die Daten dazu sind hinlänglich bekannt: Von 100 Akademikerkindern schaffen 77 das Abitur, von 100 Kindern ohne Akademiker-Eltern nur 23. „Unsere Schulen setzen noch immer auf die Erziehungs- und Bildungsleistung der Eltern“, rügt das Autorenkollektiv.
Als Gegenmittel werden in „Schule 4.0“ fünf Thesen zur Verbesserung der Kindergärten und zwölf Vorschläge für eine bessere Schule vorgestellt. So sollen Kindertagesstätten kostenfrei werden, ihr Besuch aber auch Pflicht; der Beruf des Erziehers müsse in einer bundesweiten Kampagne massiv aufgewertet werden“, auch durch eine höhere Entlohnung.
Bei den Schulen sehen die Bildungsforscher noch mehr Handlungsbedarf. Sie sehen „aus pragmatischen Gründen“ davon ab, ein einheitliches Schulsystem zu fordern – das produziere nur ideologische Diskussionen. „Was wir brauchen, ist ein schnelles, finanzierbares und wirksames Reagieren zum Abbau sozialer Ungerechtigkeiten.“
Zum einen müsse dafür die finanzielle Ausstattung der Grundschulen auf das der Gymnasien gehoben werden – deutschlandweit betrachtet gebe es hier erhebliche Unterschiede. Ein Grundschüler koste pro Jahr 5900 Euro, ein Gymnasiast 7800 Euro (was auch am höheren Gehalt der Gymnasiallehrer legen dürfte). Gefordert werden auch flexible Schuleingangsphasen, sodass ein Schulanfänger die 1. und 2. Jahrgangsstufe in einem, zwei oder auch drei Jahren durchlaufen könne, ohne dass letzteres als Sitzenbleiben gerechnet würde. Das ist in Bayern schon üblich – im Schuljahr 2016/17 haben mehr als vier Prozent die ersten beiden Jahrgänge in drei Schuljahren durchlaufen. Dies dürfte ein Grund dafür sein, warum die Zahl der Sitzenbleiber an den Grundschulen seit einigen Jahren bei nur 0,2 Prozent liegt.
Schwieriger umzusetzen dürfte eine modulare Schulorganisation sein. Gemeint ist: Eine Schule sollte in Fachmodule statt in Klassen organisiert sein. So könne ein Kind, das Lernrückstände in einem Fach habe, diese schnell nachholen, ohne alle anderen Fächer auch noch wiederholen zu müssen. Das Kuratorium der Berger-Stiftung schlägt einen größeren Modellversuch vor. Eng damit verknüpft ist eine weitere Forderung: die Abschaffung des Sitzenbleibens. Die Wiederholung einer kompletten Jahrgangsstufe sei in seiner herkömmlichen Form „weitgehend wirkungslos“.
Eine weitere Forderung, die noch für Diskussionen sorgen dürfte, ist die nach einer konsequenten Digitalisierung des Lehrens und Lernens. Jede Schule müsse ein digitales Konzept entwickeln – die Schulen in Bayern haben dies gerade vom Kultusministerium als Auftrag erhalten –, zudem müssten „flankierend zu den Schulbüchern“ auch „leistungsfähige, interaktive Lernprogramme zur Verfügung gestellt werden“, heißt es in „Schule 4.0“. Dadurch könne die „ineffiziente Gleichschaltung“ in einer Klasse aufgebrochen werden, wo ein Lehrer stets alle Schüler im gleichen Tempo mit gleichen Methoden unterrichte.