Deggendorf – Der Missbrauchsprozess gegen einen ehemaligen Priester ist gestern vor dem Landgericht Deggendorf mit der Verlesung der Anklageschrift fortgesetzt worden. 45 Minuten lang listete der Staatsanwalt Verbrechen um Verbrechen auf. Demnach hat der 53-Jährige seit Mitte der 1990er Jahre fünf Buben insgesamt mehr als 100 Mal sexuell missbraucht. Eine Vielzahl der Übergriffe wertet die Staatsanwaltschaft als schweren sexuellen Missbrauch. Außerdem soll er versucht haben, eine 18-Jährige zu vergewaltigen. Der aus Wuppertal stammende Angeklagte schwieg zu den Vorwürfen.
Beim Betreten des Gerichtssaals zog der Angeklagte seine schwarze Strickmütze bis über das Kinn, um sich vor den Fotografen zu schützen. Später zeigte er sein Gesicht und ließ regungslos die Anklage über sich ergehen – vor einer Schulklasse im Publikum. Der Anwalt des Mannes sagte, es sei nicht ausgeschlossen, dass dieser im weiteren Verlauf des Prozesses noch eine Erklärung zu den ihm vorgeworfenen Taten abgeben werde.
Von 2003 bis 2009 saß der Mann aufgrund eines Urteils des Landgerichtes in Karlsruhe wegen Sexualstraftaten für fünfeinhalb Jahre im Gefängnis. 2008 wurde er nach einem kirchengerichtlichen Urteil in Freiburg aus dem Priesterstand entlassen.
Der 53-Jährige hatte sich das Vertrauen gläubiger Familien erschlichen und war so in Kontakt mit deren Kindern gekommen. Zeitweise lebte er bei den Familien und konnte auch deshalb über Jahre hinweg die Buben in deren Kinderzimmern, in seinem eigenen Zimmer oder im Bad missbrauchen. Die Opfer waren bei den Taten zwischen neun und 14 Jahre alt. Er züchtigte die Kinder zudem mit Ohrfeigen, Strafarbeiten und Schlägen mit dem Gürtel. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann zudem Urkundenfälschung, Betrug und Missbrauch von Titeln vor. Er soll sich auf diese Weise insgesamt mindestens 100 000 Euro erschlichen haben, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.
Nach seiner Entlassung aus dem Priesteramt habe er sich unter einem falschen Namen weiterhin als katholischer Priester ausgegeben, Gottesdienste gehalten und Spenden gesammelt. Auch in Otzing im Kreis Erding trat er auf und hielt Messen. Als eine Familie in der Schweiz, bei der er zeitweise lebte, für Kost und Logis Miete verlangte, schrieb der Mann eine Mail mit dem Absender „Gott“ und forderte, auf die Miete zu verzichten, schließlich würde die Familie im Himmelreich um ein Vielfaches entlohnt. In einem Fall habe er sich in einer E-Mail gar als Gott ausgegeben, um einen Gastgeber von einer für Kost und Logis geforderten Bezahlung abzubringen. Das Paar war überzeugt, eine Nachricht von Jesus erhalten zu haben, verzichtete auf die Miete und überwies später sogar noch 35 000 Euro auf das Konto des Priesters. Der 53-Jährige wurde im September 2016 im Landkreis Deggendorf festgenommen und befindet sich inzwischen in einer psychiatrischen Klinik. Der Prozess wird am 9. Januar fortgesetzt. mm/lby