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Brauchtum zur Rauhnacht

Mutter Percht und ihre Geister

von DOminik Göttler

München – Der Sage nach ziehen sie in diesen Tagen wieder durch die Dörfer: Dämonen und böse Geister mit hässlichen Fratzen und von furchteinflößender Gestalt. Denn in den Nächten zwischen Heiligabend und dem Fest Heilige Drei Könige am 6. Januar ist dem alten Volksglauben nach die göttliche Ordnung außer Kraft gesetzt. Und wenn der Herrgott gerade nicht die schützende Hand über seine Schäfchen hält, kriecht sofort das Heer der Toten hervor und treibt sein Unwesen.

Mit diesem Glauben gingen Bayerns Dorfbewohner früher in die Tage zwischen den Jahren. „Da war die eisige Kälte, kaum Sonne und die bange Hoffnung, wie das nächste Jahr wohl werden würde. Früher war der Winter eben noch etwas tatsächlich Bedrohliches“, erklärt der Münchner Turmschreiber Alfons Schweiggert, der mehrere Bücher über Winter- und Weihnachtsgeister und das Brauchtum in der bayerischen Rauhnacht geschrieben hat.

Die zwölf Rauhnächte, manchmal auch Rauchnächte genannt, erforderten deshalb in der Vergangenheit allerlei Methoden, um sich das mysteriöse Geisterheer vom Leibe zu halten. Eine dieser Methoden war das Ausräuchern – daher auch die Namensgebung. Die Bauern räucherten ihre Wohnräume, Ställe und und Scheunen mit Wacholder, Weihrauch oder heißen Kohlen aus, um sich so gegen die bösen Geister zu wappnen.

Das Vorbild aller Weihnachtsgeister – und übrigens auch für die Märchenfigur Frau Holle – ist die doppelgesichtige Sagengestalt Frau Percht. „Die Perchta hat mich schon früh fasziniert“, sagt Schweiggert. Einerseits ihr freundliches Wesen, das fleißige Menschen belohnt und die Felder wieder gedeihen lässt. Und dann die dunkle Seite, die mit einer Hexenfratze als Begleiterin der Toten auftritt, sündigende Menschen straft und in ihren Träumen heimsucht.

„Der Perchta haben die Menschen früher Opfer gebracht, um sie milde zu stimmen“, erklärt Schweiggert. So legten die Familien beispielsweise die traditionell herausgebackenen Schmalznudeln vor die Türen. Gleichzeitig versuchte man, die Wintergeister mit Lärm zu vertreiben – der Ursprung für das Weihnachtsschießen, das im Alpenraum, besonders in Berchtesgaden, bis heute gepflegt wird.

Die unheimliche Zeit verbrachten die Menschen nicht gern allein. Deswegen waren die Tage zwischen den Rauhnächten auch Tage von besonderer Gastlichkeit. Überall standen die Häuser offen, jeder tischte auf, was er besaß, und es wurde gesungen, gespielt und gerätselt.

Oft ging es dabei um die Zukunft. „Der Trick der Menschen war es, die vielfältigen Orakel so positiv wie möglich zu deuten“, erklärt Alfons Schweiggert. Egal ob ein Apfel aufgeschnitten wurde, um anhand der Kerne die nächste Ernte vorauszusagen oder Zwiebelschalen gebastelt wurden, um das Wetter für das kommende Jahr vorauszusagen – ganz nach der Bauernregel „Wie sich’s Wetter vom Christtag bis Dreikönig verhält, so ist es das ganze Jahr bestellt“.

Bis heute wird vor allem der Brauch der Perchtenläufe in Südbayern – am bekanntesten in Kirchseeon im Landkreis Ebersberg – aufrecht erhalten. Dabei wird nicht nur die Urgestalt Frau Percht mit ihren zwei Gesichtern personifiziert, sondern viele weitere mystische Figuren wie die „Glaubauf“, die „Holzmandl“ oder „Schnadernschlenzer“.

Aufgeteilt sind die Perchten in Schönperchten, also freundliche Gestalten, und in die in der Nacht auftretenden Schiachperchten. Bei den Perchtenläufen von heute geht es weniger darum, Fruchtbarkeit zu bringen und Haus und Hof vor Unglück zu bewahren. Aber bewahrt wird dennoch etwas, nämlich die Erinnerung an die gemeinsame Herkunft. „Brauchtum heißt, die Ursprünge zu erkennen und sie weiterzuentwickeln“, sagt Schweiggert. Und wenn die Touristen dabei noch etwas zu fotografieren haben, kann das ja auch nicht schaden. Schweiggert würde sich nur wünschen, dass die Rolle der Schönperchten nicht zu sehr in den Hintergrund rückt. „Heute wird das Schreckliche gerne in den Vordergrund gestellt.“ Klar, weil es mehr Aufsehen erregt. „Aber damit geht ein Teil der Tradition verloren.“ Denn bislang ist auch nach den Rauhnächten die Sonne immer wieder aufgegangen.

Freitag, 2. Oktober 2026
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