München – Vogelfüttern liegt im Trend. Im vergangenen Jahr wurden allein in Deutschland 43 Millionen Euro mit Vogelfutter umgesetzt. Die Vogelbeobachtung am „kalten Buffet“ ist für viele Menschen die einfachste, vielleicht auch einzige Möglichkeit zum Naturerleben in der Stadt. Und in der Tat kann man direkt vom Küchenfenster aus auch spannende Beobachtungen zum Sozialverhalten der Vögel machen. Da wird gestritten und gerauft, geklaut und besänftigt wie in der Seifenoper. Wer aufmerksam beobachtet, kann mit ein wenig Übung bald ausmachen, wer der Platzhirsch ist und wer weiter unten in der Hackordnung steht. Der Landesbund für Vogelschutz erklärt die drei häufigsten Verhaltensweisen, die uns etwas über die Dominanzverhältnisse am Futterplatz verraten.
Das Wegjagen
Weggejagt wird ständig. Für uns sieht das auf den ersten Blick eigentlich gar nicht aggressiv aus – ein neuer Vogel landet am Futterhaus und der, den wir gerade beim Fressen beobachtet haben, fliegt weg. Noch weniger offensichtlich ist es, wenn ein Vogel am Rande des Geschehens abwartet, bis die Futterstelle wieder frei wird und dann erst zum Fressen kommt. Innerhalb einer Art sind es oft die Männchen, die Weibchen wegjagen, aber es gilt auch das Prinzip „Alter vor Schönheit“, denn Dominanz kommt in der Vogelwelt wie bei uns auch mit Seniorität. Zwischen den Arten gilt die Regel „die Größe macht’s“ – da ziehen die Kleinen den Kürzeren.
Das Drohen
Wer seinen Platz in der Rangordnung nicht kennt (oder ignoriert) wird mit eindeutigen Gesten darauf aufmerksam gemacht. Beim Drohen macht sich der dominante Vogel größer, oft sträubt er Gefiederpartien, hebt die Flügel leicht an oder gibt gar eine Art Fauchen von sich, die unmissverständlich klarmacht: „Verschwinde, sonst gibt’s Ärger!“
Das Beschwichtigen
Das Beschwichtigen ist sozusagen das Gegenteil vom Drohen. Beim Beschwichtigen macht sich der unterlegene Vogel kleiner, schaut betont am dominanten Vogel vorbei oder deutet eine Ausweichbewegung an. Alles Gesten, die ausdrücken: „Ich bin keine Bedrohung, ich erkenne an, dass Du mir überlegen bist.“
Die Bedeutung der Rangordnung
Aber warum verbringen Vögel so viel Zeit damit, Rangfolgen zu etablieren und durch das richtige Verhalten beizubehalten? Viele Vögel schließen sich im Winter zu Schwärmen zusammen, denn das hat Vorteile für die Sicherheit und erleichtert die Nahrungssuche. Allerdings ist die Konkurrenz im Schwarm natürlich sehr ausgeprägt, weshalb es immer wieder zu Konflikten kommt. Diese mit Schnäbeln und Krallen auszufechten, wäre aber viel zu energieaufwendig und könnte mit Verletzungen enden. Methoden zur Streitvermeidung sind daher lebensnotwendig.
Doch auch die Reihenfolge am Futterspender kann direkten Einfluss aufs Überleben haben: Dominante Vögel können es sich leisten, nur sichere Plätze zum Fressen aufzusuchen oder eine Futterstelle zu meiden, wenn ein Feind in der Nähe ist. Außerdem können sie das beste Futter für sich beanspruchen, müssen weniger Zeit in die Futtersuche investieren und sind gesünder als die Artgenossen am unteren Ende der Hierarchie. Entsprechend größer sind ihre Überlebenschancen.
Doch auch wenn im Allgemeinen die Kleinen am Buffet das Nachsehen haben: In Stein gemeißelt ist diese Regel nicht, und auch in der Vogelwelt wird ausgetrickst. Der Kleiber nutzt die Gunst eines unbeobachteten Moments und trägt sich einen kleinen Privat-Vorrat zusammen, der dann an unauffälliger Stelle in Rindenritzen versteckt wird. Wenn er Pech hat, wurde er allerdings von einer Meise beobachtet, die sich dann ihrerseits in einem unbeobachteten Moment von der gebunkerten Privatreserve bedient. Die Blaumeise ignoriert die Regeln der Hierarchie und lässt sich von der größeren Cousine, der Kohlmeise, nicht die Butter vom Brot nehmen. Was an Körpergröße fehlt, wird durch Frechheit wettgemacht. Und von den kleinen Birkenzeisigen wird berichtet, wie sie sich sogar gegen den berüchtigten Sperber, der an Winterfutterstellen gerne auf Vogeljagd geht, zur Wehr setzten, nämlich im Pulk: Etwa 70 der kleinen Federbällchen schlossen sich zu einem dichten, fast kugelförmigen Schwarm zusammen und bedrängten den Greifvogel regelrecht, indem sie bis auf ein oder zwei Meter an ihn heranflogen. An einen Überraschungsangriff auf ahnungslos futternde Singvögel ist unter solchen Umständen natürlich nicht zu denken. Das Motto „gemeinsam sind wir stark“ gilt also auch in der Vogelwelt. mm