Kulmbach/Oberding – Ein Bürogebäude im Oberdinger Gewerbegebiet Schwaig nahe dem Flughafen München: Zwischen Shuttle-Service-Anbietern und Parkhäusern haben Lebensmittelüberwacher ein ganzes Stockwerk bezogen. Claudia Thielen (51) leitet die neue Bayerische Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV).
„Es herrscht viel Trubel – Tendenz steigend“, sagt sie. Nicht so am gestrigen Dienstag. Am ersten offiziellen Arbeitstag blieben einige Schreibtische leer. Der einfache Grund: Die Kontrolleure waren fast alle unterwegs.
Start von null auf hundert also: Überregionale Metzgereien und Bäckereien, Molkereien und Großhersteller von Babynahrung dürfen sich nun auf regelmäßigere Besuche einstellen. Die Vorbereitungen in Oberding und Kulmbach, dem Sitz für Nordbayern, laufen bereits seit drei Monaten: Im Oktober rückten Thielens Mitarbeiter mit den Umzugskartons an.
Intensiver, gründlicher und kompetenter soll die Lebensmittelüberwachung im Freistaat werden: Für rund 600 Betriebe ist die KBLV zuständig. „Das sind überregionale, große Player, die mit komplexen Produktionsprozessen arbeiten“, sagt die Behördenleiterin. Die Unternehmen der Lebensmittelindustrie wachsen, die Herstellungsabläufe werden unübersichtlicher, die Verbreitungsgebiete der Produkte größer. „Das erfordert auch eine Anpassung des Kontrollsystems. Es braucht echte Spezialisten“, so Veterinärmedizinerin Thielen. Lebensmittelchemiker, Agraringenieure oder Menschen mit Berufserfahrung in den zu kontrollierenden Branchen – Leute also, die zum Beispiel mit Hygienemaßnahmen einer Großmetzgerei oder den Technologien einer Molkerei vertraut sind. Dazu kommen Juristen, Vollzugsbeamte und Verwaltungsmitarbeiter. 100 Stellen sollen an beiden Standorten besetzt werden, 83 sind es aktuell, 70 wurden neu geschaffen. Einige Mitarbeiter vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hätten sich bei der KBLV beworben. Die „Geflügeleinheit“ des LGL mit ihren 20 Stellen zog komplett nach Oberding.
Kot im Brot, Salmonellen im Ei: Immer wieder tauchen in Bayern Ekel-Funde auf. Darum strebt die Landespolitik eine Steigerung der Kontrollqualität an. Lebensmittelskandale wie jene um die Firmen „Bayern Ei“ (2015) oder „Müller Brot“ (2012) sollen verhindert werden. „Wir prüfen auch die Eigenkontrollsysteme der Betriebe“, sagt Thielen. Die Firmen müssen unter anderem dafür sorgen, dass angelieferte Waren geprüft und Kühltemperaturen eingehalten werden.
Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf (CSU) sieht in der Schaffung der Spezialeinheit „einen Meilenstein für den Schutz der Verbraucher in Bayern“. Die Landratsämter, die bislang für sämtliche Kontrollen zuständig waren, würden dadurch entlastet. „Die Entlastung ist überschaubar“, findet Christian Bernreiter (CSU), Präsident des Landkreistags und Deggendorfer Landrat. „Wir brauchen trotzdem noch zusätzliches Personal für die Veterinärämter.“ In Bernreiters Landkreis seien durch die Neuregelung ganze sieben Firmen weggefallen. „Das dürfte der Durchschnitt in allen Landkreisen sein.“
Insgesamt haben die Landratsämter in Bayern nach wie vor rund 200 000 kleinere Betriebe zu kontrollieren – vom Bauernhof über die Döner-Bude bis zum Schlangenhalter. In der politischen Debatte war auch im Gespräch, Kontrollbehörden regional zusammenzulegen: „Dagegen haben wir uns gewehrt“, sagt Bernreiter. „Bürgernähe muss da sein, wenn jemand einen verdorbenen Fleischsalat abgeben will.“ Die jetzige Kompetenzverteilung findet der Landkreistags-Präsident sinnvoll – „gerade bei Großbetrieben, die international agieren. Da braucht man einen ganz anderen Überblick.“ (mit dpa)