Zeiten des Aufruhrs – wie Bayern zum Freistaat wurde

von Redaktion

von dirk walter

München – Das Ende war grausam: Den Revolutionär Eugen Leviné, in einem jüdischen Elternhaus geborener Russe, holte das Freikorps Oberland aus der Wohnung eines Kunstmalers in München nahe des Prinzregentenplatzes. Zur Tarnung kahl rasiert hielt er sich dort als „Privatgelehrter Ludwig Geisenberger“ verborgen – bis ihn die Häscher doch erwischten. Das Standgericht machte kurzen Prozess: Verhandlung am 2. Juni, Verurteilung zum Tod wegen Hochverrats am 3. Juni. Etliche Prominente, darunter Albert Einstein, baten noch per Telegramm um die Achtung von „Gerechtigkeit und Menschlichkeit“. Doch vergebens: Der bayerische Ministerrat mit seinem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann lehnte ein Gnadengesuch ab. Das war am 4. Juni. Am 5. Juni mittags um 13.45 Uhr wurde Leviné hingerichtet und einen Tag später auf dem nördlichen Israelitischen Friedhof beerdigt.

Leviné war kein Einzelfall. Zwei Rädelsführer, der Schriftsteller Gustav Lan-dauer und der Matrose Rudolf Egelhofer, wurden gleich ohne Prozess erschossen. Auch viele Unbeteiligte starben, so am 6. Mai gleich 21 Kolping-Mitglieder des Gesellenvereins St. Joseph, die als „Spartakisten“ ohne Urteil hingerichtet wurden. Die Todesopfer des unruhigen halben Jahres in München und Bayern sind nie gezählt worden, Schätzungen reichen von 650 bis weit über 1000, darunter laut Zählung der Polizeidirektion München 335 Zivilpersonen. Auf Seiten der Regierungstruppen gab es 38 Gefallene.

Das war das blutige Ende eines Umsturzes, der vor nun 100 Jahren friedlich und für eine Revolution denkbar unblutig begonnen hatte. Am 7. November 1918 abends um 22.30 Uhr endete nach 738 Jahren die Herrschaft der Wittelsbacher. Der König: ins Ausland geflohen. Das königstreue Bürgertum: paralysiert. „Mir war zu Mut wie bei einem Abschied vom alten Bayern“, schrieb der Münchner Historiker Karl-Alexander von Müller in seinen Erinnerungen. Er fügte aber an: „So tief war der Druck der vorangegangenen Wochen, so lähmend die kopflose Schwäche der alten Regierung“, dass der „menschliche Idealismus“ der Revolutionäre einen Moment lang auch ihn beeindruckte.

Oft vergessen wird: Die Revolution hatte ein Vorspiel. Bei den Januarstreiks des Jahres 1918 in München setzte sich ein Journalist namens Kurt Eisner erstmals an die Spitze der Bewegung. Eisner, zuletzt Theaterkritiker der SPD-Zeitung „Münchner Post“, seit 1908 bayerischer Staatsbürger, war wie viele Sozialdemokraten zunächst ein Befürworter des Ersten Weltkriegs gewesen. Aufgrund von Aktenveröffentlichungen setzte bei ihm ein Meinungsumschwung ein, der ihn auch der Partei entfremdete. Als sich nach der Bewilligung von Kriegskrediten auch durch die SPD der radikal-sozialistische Flügel abspaltete, war Eisner von Anfang an dabei. Der Unabhängige Sozialdemokratische Verein – kurz USPD – für München Stadt und Land verzeichnete ihn mit Datum 1. Mai 1917 als Mitglied Nr. 7. Bei den Friedensdemonstrationen und bald auch Streiks, die im Januar 1918 ausgehend von Österreich-Ungarn auch die Arbeiter in Deutschland auf die Straßen trieb, leuchtete Eisners Stern erstmals hell auf. Er eilte in jenen Tagen Ende Januar in München von Betrieb zu Betrieb: Krupp, Rapp-Werke (BMW), Bayerische Flugzeugwerke, überall traten die Belegschaften in den Ausstand. Die Streikbewegung hätte sich wohl noch erheblich ausgeweitet, so der Autor Bernhard Grau, wenn nicht Eisner in der Nacht des 31. Januar 1918 verhaftet worden wäre. Dem Selbstbewusstsein des Revolutionärs tat das keinen Abbruch: „Das deutsche Proletariat ist wieder aus hoffnungsloser Starre erwacht“, notierte Eisner zufrieden in sein Gefängnistagebuch. Er sollte Recht behalten.

Als er nach achteinhalb Monaten Untersuchungshaft am 14. Oktober abends um 20.30 Uhr das Gefängnis Stadelheim durch einen glücklichen Umstand – er war Kandidat für eine Reichstagsersatzwahl geworden – verlassen konnte, hatte sich die politische Situation zugespitzt. Die Kriegsniederlage zeichnete sich ab. Das deutsche Kaiserreich wankte. Ab Ende September drängte die Oberste Heeresleitung mit den Generälen Ludendorff und Hindenburg auf einen Waffenstillstand. Anfang November meuterten in Kiel die Matrosen der Hochseeflotte, die in die Britische See zu einer (aussichtslosen) Entscheidungsschlacht geschickt werden sollten.

In München gelang Kurt Eisner und seinen Anhängern am Abend des 7. November 1918 der entscheidende „Überrumpelungsmoment“ (Grau). Nach einer unspektakulär verlaufenen Friedensdemonstration, die die SPD und die sehr viel kleinere USPD gemeinsam auf der Münchner Theresienwiese veranstalteten, gingen die etwa 60 000 SPD-Anhänger brav nach Hause. Eisners Leute, einige tausend, stürmten jedoch zu den Kasernen, deren Soldaten sich ohne Widerstand der Revolte anschlossen. Die bekannte Formulierung „Bayern ist fortan ein Freistaat!“ aus dem Aufruf „An die Bevölkerung Münchens“ (Unterzeichner: Kurt Eisner) erschien am 8. November. Die Monarchie leistete keinerlei Widerstand – König Ludwig III. setzte sich am Abend des 7. November ins Schloss Wildenwart im Chiemgau ab, wenig später floh er bis Anif im Salzburger Land. Am 13. November verfasste der König in Anif eine Erklärung, mit der er die Beamten vom Treueeid entband.

Der bayerische König hatte abgedankt – und nicht nur er. Das deutsche Kaiserreich, in Wahrheit ja ein Bundesstaat mit 25 Einzelstaaten (Preußen war der größte, dahinter kam Bayern), zerfiel binnen Tagen. Als Erster dankte am Vormittag des 8. November Ernst August, Herzog in Braunschweig, ab. Danach purzelten die Fürsten und Könige nur so vom Thron. In dürren Zeilen vermeldete dies die „Münchener Zeitung“ am 11. November unter der Rubrik „Thronverzichte und Absetzungen“. Stuttgart, Dresden, Karlsruhe – überall dasselbe.

Kaiser Wilhelm II. wollte eigentlich nicht abdanken, tat es dann aber doch am 13. November. „Ich verzichte auf den Thron“, so lautete seine dünne Erklärung. Faktisch war er schon seit dem 9. November entmachtet: Da hatte der SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann vom Fenster des Reichstags die Republik ausgerufen.

Auch auf dem Land sickerten die Nachrichten vom Umsturz schnell durch. „In München ist die Revolution ziemlich unblutig durchgeführt worden“, notierte der Pfarrer Kaspar Wurfbaum aus dem Dorf Bruck (Kreis Ebersberg) schon am 8. November in seinem Tagebuch. „Der König hat abgedankt. Bei uns wird die Veränderung mit gemischten Gefühlen aufgenommen.“ Sein Bischof saß in München – Kardinal Faulhaber war überzeugter Monarchist, von Weinkrämpfen erschüttert brach für ihn eine Welt zusammen: „Die schrecklichste Nacht meines Lebens“, notierte er ins Tagebuch. „Es ist mir nur immer, als ob man mir mit einem Prügel auf den Kopf geschlagen hätte.“ Vorsichtshalber verbrannte er amtliche Papiere.

Faulhaber geschah nichts. Die Revolution frisst nach einem gängigen Sprichwort vielleicht ihre Kinder, verschonte aber in München ihre Gegner. Die alten Eliten blieben im Amt – in der Verwaltung, in den Industriebetrieben, an der Universität. Gravierender noch: Der Aufbau neuer Regierungsstrukturen kam nur schwer in die Gänge. Eisner selbst liebäugelte mit einem Mischsystem aus Räten und parlamentarischen Elementen. Doch der „revolutionäre Illusionismus“ (so der Historiker Hans-Ulrich Wehler) litt an chaotischen Doppelstrukturen, die Besetzung von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten etwa geschah willkürlich, ihre Kompetenzen waren kaum definiert.

Während in Berlin die Revolution in den sogenannten Januarkämpfen blutig entgleiste, blieb es in Bayern länger friedlich – bis zum 21. Februar 1919. Da wurde Bayerns erster Ministerpräsident Kurt Eisner von einem radikalisierten Adligen, Graf Arco, in der Münchner Innenstadt erschossen. Danach eskalierte die politische Lage auch in Bayern. Bewaffnete Arbeiter, sogenannte Rotarmisten, beherrschten nun das Straßenbild, nächtliche Schusswechsel versetzten viele Bürger in Angst und Schrecken. In Augsburg zum Beispiel rannte der damals zehnjährige Theodor Schieder – später ein berühmter Historiker – just am Abend von Eisners Tod mit seiner Mutter bei der Rückkehr von einem Konzert durch das nächtliche, etwas verrufene Handwerkerviertel, um Schusswechseln zu entgehen. Für den Buben ein einprägsames Ereignis. Schließlich erreichten beide „mit dem Knallen von Schüssen im Hintergrund unser Haus, dessen schwere Haustür von meinem kreidebleichen Vater geöffnet wurde“.

Die Landesregierung mit dem im März gewählten Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann wich nun nach Bamberg aus, während in München Anfang April 1919 die erste, Mitte April dann die sogenannte zweite Räterepublik ausgerufen wurde. Erst diese Spätphase der Revolution, nicht aber ihr Beginn, war ein kommunistisches Experiment. München als Versuchslabor sozusagen. Aufs Ganze gesehen war dieser Utopismus von vorneherein chancenlos, sein gewaltsames Ende durch die von Hoffmann Mitte April zu Hilfe gerufene Reichswehr absehbar.

Man darf das damalige Räteexperiment aber auch nicht isoliert sehen. Zur gleichen Zeit gab es Aufstandsbewegungen auch in anderen Teilen Deutschlands, vor allem im Ruhrgebiet und Mitteldeutschland, wo schon seit Januar zigtausende Bergarbeiter streikten. Wie kommunizierende Röhren befeuerte ein Aktionszentrum das andere. Aber auch diese Aufstände außerhalb Bayerns wurden am Ende militärisch niedergekämpft. Vorher aber kam es in München zu einer Exzesstat, die den idealistischen Eifer der Revolte gründlich diskreditierte: Am 30. April erschossen Rotarmisten im Münchner Luitpold-Gymnasium zehn Geiseln, sieben davon Mitglieder der rechtsradikalen Thule-Gesellschaft. Mehrere Täter des Erschießungskommandos, darunter der Befehlsgeber Fritz Seidel, büßten das später mit dem Tod. Fürs Erste aber befeuerte die Exzesstat nun erst recht den „weißen“ Furor, der sich in den Maitagen dann entlud.

So ist Revolutionsromantik auch aus heutiger Sicht gewiss fehl am Platz. Aber man darf die Errungenschaften der Revolution auch nicht gering schätzen. Das allgemeine Wahlrecht (erstmals auch für Frauen!), die Beseitigung der Monarchie, die Einschränkung von Adelsprivilegien, überhaupt die Gründung der ersten, später dann gescheiterten Weimarer Republik sind ohne den Umsturz im November 1918 nicht vorstellbar.

Der Privatdozent Victor Klemperer – konvertierter Jude, Romanist, kein Revolutionär – traute sich in den unruhigen letzten Tagen des Münchner Räteexperiments kaum mehr aus seiner Wohnung. „Wir erwarten von Stunde zu Stunde Angriff und Befreiung“, schrieb er in sein Tagebuch. Ganz wohl war ihm nicht: „Die Noskeleute wollen hier morden wie in Berlin“, notierte er in Anspielung auf den sozialdemokratischen Wehrminister Gustav Noske, dessen Truppen Massaker verübten: Aber, so fügte er an: „Den Gedanken schlagen sie doch nicht tot!“

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