Sprach-Kitas in Bayern

Im Trainingslager der Mundakrobaten

von Redaktion

Von Katrin Woitsch

Germering – Im Märchenland in Germering (Kreis Fürstenfeldbruck) werden Gummibärchen sehr selten einfach nur gegessen. Hier müssen sie erst mal durch die Gummibärchen-Waschstraße, bevor sie im Mund landen. Der zweijährige Maximilian liebt dieses Spiel. Konzentriert hält er den Zahnstocher in der Hand, auf den sein Gummibärchen gespießt ist. Dann versucht er vorsichtig, mit der Zunge nur den Bärchen-Bauch zu erwischen. Dann die Füße, dann den Kopf. Erst wenn alles geschafft ist, beginnt der kulinarische Teil. Was Maximilian und seine Freunde nicht wissen: Es ist nicht nur ein Spiel – denn ganz nebenbei wird auch die Mundmotorik trainiert. Wo darf man schon so hemmungslos die Zunge raus zu strecken?

Die Übung klingt kinderleicht – ist sie auch. Aber der Effekt für eine gute Aussprache ist sehr groß, betont Christine Konoday. Sie ist im Märchenland für die Sprachentwicklung der Kinder zuständig. Vor einem Jahr gab es die Fachkraft-Stelle noch nicht. Gezielte Sprachförderung war damals schon genauso wichtig – nur, dass es für die Erzieher in allen Kindertageseinrichtungen bei ihrem aktuellen Personalschlüssel kaum möglich ist, sich um die sprachliche Bildung so intensiv zu kümmern. Dabei steckt darin eine riesige Chance. Für alle Kinder – und ganz besonders für die Mädchen und Buben, deren Muttersprache nicht Deutsch ist oder deren Entwicklung verzögert ist, erklärt Märchenland-Leiterin Birgit Blees. „Sprachkompetenz ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für schulischen und beruflichen Erfolg und für die gesellschaftliche Integration.“

Das sieht das Bundesfamilienministerium genauso. Deshalb hat es 2016 das Förderprogramm „Sprach-Kitas“ gestartet. Bewerben konnten sich dafür Einrichtungen aus ganz Deutschland, die die Voraussetzungen erfüllen. Eine davon ist, dass ein bestimmter Prozentanteil von Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern mit besonderem Förderbedarf betreut wird. Das Ministerium unterstützt jede Sprach-Kita mit 25 000 Euro im Jahr. Dadurch kann eine Sprachfachkraft wie Christine Konoday eingestellt werden. Außerdem gibt es eine Sprach-Beraterin, die regelmäßig in Berlin geschult wird und das Wissen an die Erzieher weitergibt.

Für das dreijährige Programm haben sich so viele Einrichtungen beworben, dass 2017 eine weitere Runde gestartet wurde. Die Germeringer Kita wurde damals von ihrem Träger, der FortSchritt GmbH, auf das Projekt aufmerksam gemacht. Sie hat sich beworben – und ist nun eine von 788 Sprach-Kitas in Bayern. Seitdem werden dort verstärkt Gummibärchen gewaschen, Luftschlangen gepustet oder mehrsprachige Lieder gesungen. Zum Beispiel bei der Morgenrunde, zu der alle 48 Kinder, die acht Erzieherinnen und alle Praktikanten zusammenkommen. Auch Leiterin Birgit Blees ist immer dabei. Heute singt eine Gruppe „Bruder Jakob“ auf fünf Sprachen vor – eine davon ist Französisch. Die Muttersprache von Johann. Der Vierjährige hat nur in der Kita Deutsch gelernt – inzwischen spricht er es perfekt. Laut und kräftig singt er die französische Strophe mit – und strahlt dabei. Birgit Blees sieht das – und lächelt ebenfalls. Auch darum geht es bei der Sprachförderung: um Wertschätzung. Johann ist an diesem Morgen nicht ein Kind, das länger gebraucht hat, um Deutsch zu lernen. „Er ist jemand, der etwas ganz besonders gut kann“, sagt Blees.

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