Rom/München – Die Äußerungen des Münchner Kardinals und Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, zu einer möglichen Segnung homosexueller Paare hat auch im Vatikan für Aufsehen gesorgt. Der emeritierte deutsche Kurienkardinal Paul Josef Cordes etwa warf dem engen Papst-Vertrauten Marx vor, damit die katholische Lehre zu verraten. Der Vorstoß missachte eindeutig die Offenbarung Gottes.
„Marx erwähnt nicht einmal, dass Homosexualität immer dem Willen Gottes widerspricht“, kritisierte Cordes seinen Kardinalskollegen in einer Pressemitteilung scharf. Die Kirche sei in ihrer Pastoral an die Heilige Schrift und deren Deutung durch das kirchliche Lehramt gebunden. Ein „konfuses Mitgefühl“ könne nicht mehr Heil vermitteln als der Wille Gottes. Die Überlegungen von Marx „näher an denen dran zu sein, die Seelsorge brauchen, und in konkreten Einzelfällen Zuspruch zu vermitteln“, lehnt der als erzkonservativ geltende Cordes rundherum ab und vergreift sich dabei auf abenteuerliche Weise im Bild: „Einzelfälle? Mehr Zuspruch für die Aktivitäten von Mafiosi? Einverständliche Seelsorge für abtreibende Ärzte etwa?“ Den Betroffenen hält der frühere Organisator der Weltjugendtage vor, sie wollten nur „die Segnung ihrer sündhaften Verbindung“. Mit ihrem Ansuchen zielten sie auf die Anerkennung ihrer homosexuellen Lebensweise und auf deren kirchliche Aufwertung ab. Diese soll als Normalität erscheinen.
Kurz vor dem fünften Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus zum Nachfolger Benedikts XVI. werfen die scharfen Töne ein Schlaglicht auf die schwelende Debatte zwischen Erneuerern und Traditionalisten im Vatikan. Eine Aussöhnung beider Lager, wie mit dem päpstlichen Lehrschreiben Amoris Laetitia angestrebt, scheint in weiter Ferne. Mit Bangen blickt so mancher in der Kurie auf die nächste Weltbischofssynode im Herbst, bei der die Themen Jugend und geistliche Berufungen auf der Tagesordnung stehen. Viele befürchten dann erhebliche Auseinandersetzungen u.a. zum Dauerbrenner Zölibat. Ingo-Michael Feth