Sanft ist das Haupt der Statue geneigt, der Blick geht hinunter auf den Platz, auf Touristen und Passanten. Die goldglänzende Mariensäule ist ein Münchner Wahrzeichen, unzählige Male fotografiert unterm weiß-blauen Himmel. Dabei wurde sie errichtet, als die Zeiten in Bayern und in ganz Europa wenig glanzvoll und schon gar nicht ruhig-idyllisch waren. Kurfürst Maximilian I. ließ die Säule samt Statue der Gottesmutter Maria 1638 aufstellen – als Dank dafür, dass die Stadt im Dreißigjährigen Krieg nicht zerstört wurde. 1618, vor 400 Jahren, nahm ein bis dahin beispielloses Blutvergießen in Europa seinen Anfang.
„Das heutige Bayern war in erheblichem Maße vom Kriegsgeschehen berührt. Es fanden hier bedeutende Schlachten statt“, sagt Georg Seiderer, Professor für Neuere Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Erlanger Universität. Verheerende Auswirkungen hätten nicht so sehr die großen Schlachten gehabt. „Allein der Durchzug eines Heeres hat die Bevölkerung erheblich in Mitleidenschaft gezogen.“ Dies gelte gerade für die Menschen auf dem Land. „Plünderungen, Brandschatzungen, Vergewaltigungen, Seuchen für Mensch und Tier begleiteten stets die Kriegszüge.“
Die Bevölkerung habe unter Hunger gelitten. Nahrung und Geld für die Heere hätten die jeweils besetzten Gebiete aufbringen müssen. „Es ist nicht übertrieben, von schreckenerregenden Auswirkungen zu sprechen“, sagt Seiderer.
Ausgebrochen ist der Dreißigjährige Krieg in Böhmen – doch traf er früh auch die heutige Oberpfalz: Als Teil der Kurpfalz fiel sie dem bayerischen Herzog Maximilian zu, der zum Kurfürsten aufstieg. Er zwang die evangelischen Oberpfälzer wieder zurück zur katholischen Kirche. Das eigentliche Kriegsgeschehen erreichte die Gebiete des heutigen Bayerns erst, als der Schwedenkönig Gustav Adolf seinen Siegeszug gen Süden begann. In der Schlacht bei Rain am Lech wurde Tilly, der oberste Heerführer der ligistischen – also katholischen – Armee, schwer verletzt und starb wenig später. Seiderer: „Der Weg Gustav Adolfs in das Herzogtum Bayern war offen.“ Die Schweden besetzten unter anderem München. Jedoch: Eine vollständige Eroberung gelang nicht, wichtige Festungen wie Ingolstadt, Regensburg und Passau wurden nicht eingenommen.
Doch Kaiser Ferdinand II. aktivierte nach Tillys Tod Wallenstein wieder, seinen ehemaligen Generalissimus. Wallenstein stellte in Böhmen ein Heer auf – und zwang Gustav Adolf, sich wieder gen Norden zu richten. Sonst wäre die Verbindung für Nachschub abgebrochen. Der schwedische Herrscher konnte sich in Nürnberg verschanzen, Wallenstein lagerte in der Nähe von Zirndorf. Nach sieben Wochen kam es schließlich am 3. September 1632 zur Schlacht an der Alten Veste von Zirndorf.
Es heißt häufig, die Schlacht sei unentschieden ausgegangen, sagt Seiderer, „aber es war ein Erfolg Wallensteins gegen Gustav Adolf“. Der Schwedenkönig sei gezwungen gewesen, sich nach Norden zurückzuziehen. In der Schlacht bei Lützen fiel er.
Die Schlacht an der Alten Veste gilt als ein Wendepunkt des Krieges. Für die Bevölkerung waren die Auswirkungen dramatisch. Die Menschen seien aus den umliegenden Dörfern nach Nürnberg geflohen, erläutert Seiderer. Ein Dorf nach dem anderen sei in Flammen aufgegangen. Nürnberg selbst sei mit fast 50 000 Einwohnern, dazu Soldaten und den Menschen aus dem Umland völlig überfüllt gewesen. Es seien Seuchen ausgebrochen, bis zu 35 000 Menschen sollen 1633 und 1634 in Nürnberg der Pest zum Opfer gefallen sein.
Auf dem Gebiet des heutigen Freistaats tobten noch weitere Schlachten des Dreißigjährigen Krieges. 1634 in Nördlingen siegten die kaiserlichen Truppen, die Schlacht bei Alerheim 1645 dagegen gewannen die Franzosen. Die Schlacht bei Zusmarshausen 1648 war wohl das letzte große Gefecht des Krieges, Bayern wurde noch einmal schwer von feindlichen Truppen verwüstet. Die Truppen des Dreißigjährigen Krieges hätten die Bevölkerung drangsaliert ohne Ansehen von Alter, Geschlecht und Konfession, betont Seiderer. Katholische Landstriche hätten ebenso unter katholischen Truppen gelitten wie protestantische Gebiete unter protestantischen Truppen.
Dennoch: Auf protestantischer Seite habe Gustav Adolf oft als Befreier gegolten. Im katholisch geprägten Altbayern dagegen sei vor allem die Erinnerung an Tilly, der in Altötting begraben wurde, gepflegt worden. Und Maximilian sei als großer Kurfürst verehrt worden. Daher fehlt im heutigen Freistaat eine kollektive Erinnerungskultur an die Schrecknisse vor fast 400 Jahren. Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird eher im lokalen Brauchtum lebendig gehalten.
Kathrin Zeilmann