1918 – der Beginn der großen Seuche

Die Spanische Grippe, der unsichtbare Feind

von Redaktion

von Manfred Vasold

München – Der Feind kam heimlich, war unsichtbar und traf die Soldaten im eigenen Land: Im März 1918 brach in einem Heerlager in der Mitte der USA, in Kansas, plötzlich eine tödliche Seuche aus. In diesem Camp waren damals 56 000 Soldaten untergebracht. In den Kasernen drängten sich die Rekruten, einige tausend mussten bei winterlichen Temperaturen in Zelten kampieren. Am 4. März 1918 meldeten sich die Ersten von ihnen krank. Innerhalb weniger Tage traten die ersten Fälle von Lungenentzündung auf.

Die Amerikaner traf das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Sie steckten mitten in den Kriegsvorbereitungen – am 6. April 1917 hatte US-Präsident Wilson den Kriegseintritt mit denkwürdigen Worten erklärt: „Recht ist kostbarer als Frieden.“

In dem Camp in Kansas machten die Ärzte von Anbeginn sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dieser Seuche. Einige Kranke starben gleich am ersten oder zweiten Tag ihrer Erkrankung, aber das war die Ausnahme. Bei den meisten Kranken, die der Grippe schließlich erlagen, dauerte es mehrere Tage, bis die Viren den Organismus so weit geschädigt hatten, dass Bakterien – zumeist bösartige Streptokokken oder Staphylokokken – sich hinzugesellten, bis der Tod eintrat. Häufig kam zur Grippe eine Lungenentzündung hinzu, daher wurde dann meist „Pneumonie“ als Todesursache angegeben. Die Kranken waren zunächst an Grippe erkrankt, es schien schon wieder besser zu werden, doch dann wurde es schlechter – schließlich kam der Tod. Erst hatten die Grippeviren die Lungen geschwächt und das Immunsystem schwer geschädigt, dann schlugen die eingedrungenen Bakterien zu. In den USA wütete diese Grippe ganz entsetzlich, es starben dort anteilmäßig mehr Menschen als im Deutschen Reich.

Die Grippe, eine hochansteckende Infektionskrankheit, kann Menschen und einige andere Wirbeltiere epidemisch heimsuchen. Die schwere Grippe-Pandemie, die bald auf Europa übersprang, wurde vermutlich von Schweine-Influenzaviren verursacht. Die Grippe hatte ihren Ursprung meist dort, wo Mensch und Tier eng beieinander hausen, wie in Kansas, einer landwirtschaftlich geprägten Region. Der natürliche Lebensraum des Grippevirus ist eigentlich die Vogelzelle. Der Influenzaerreger kann sich in Vögeln gut vermehren. Bei diesen Tieren infiziert es den Darmkanal, daher sind dann die Vogelexkremente verseucht. Zwischen Menschen, Schweinen und einigen Vogelarten besteht ein reger Austausch dieses Erregers. Zuerst musste dieses Virus sich verändern oder ein anderes Säugetier passieren, zum Beispiel ein Schwein. 1918 erkrankten im Mittleren Westen auch Millionen von Schweinen an einer schweren Atemwegsinfektion.

Das Grippe-Virus tritt in drei Typen auf, A, B und C. Viren vom Typus Influenza-A sind außerordentlich variabel, sie können rasch eine Reihe von Untertypen hervorbringen. Da sich aber die Immunität zeitlich sehr begrenzt nur gegen den jeweiligen Erreger richtet, spielt Immunität bei Grippeepidemien eine untergeordnete Rolle.

Im Frühjahr 1918, auf dem europäischen Kriegsschauplatz war es das vierte Kriegsjahr, brach in Frankreich eine schwere Seuche aus. In diesem Jahr wurden weit mehr als eine Million amerikanischer Soldaten nach West-Europa gebracht. Unterwegs, in den dicht bepackten Schiffskabinen, starben schon einige an Grippe. Doch die meisten Erkrankten überlebten und trugen den Erreger nach Frankreich. In Paris erkrankten die ersten französischen Soldaten am 10. April 1918 an Grippe, etwa zur selben Zeit gab es auch schon Grippefälle in Italien und Spanien, das nicht am Krieg beteiligt war und daher die Presse nicht zensierte. Bald bezeichnete man die Seuche als „Spanische Grippe“ oder als „Spanische Krankheit“. Einige glaubten gar, es handele sich um die Lungenpest.

Die Seuche breitete sich rasch aus. In England und Frankreich begann die Grippe im April zu grassieren, im selben Monat erkrankten auch die ersten deutschen Soldaten an der Westfront. Im Deutschen Reich wachten allerdings amtliche Stellen darüber, dass die Presse nur wenig darüber berichtete. Die ersten Berichte in deutschen Zeitungen erschienen am 29. Mai 1918. Schon einen Monat später griff die Grippe in Bayern um sich. Am 2. Juli 1918 berichtete der „Rosenheimer Anzeiger“ unter „Verschiedene Nachrichten“: „Größeres Auftreten wird gemeldet aus Landshut, Regensburg, Passau, Ingolstadt und Nürnberg-Fürth. Die Apotheken werden im Sturm genommen, die Hospitäler sind überfüllt.“

Nur wenige Tagebücher von Soldaten enthielten Notizen über die Grippe. Ein elsässischer Soldat, Dominik Richert, der später desertierte, erwähnte die Seuche jedoch mehrmals: „Immer mehr Soldaten erkrankten und schlurften wie halbtot herum“, schrieb er. „Vor dem Hause, in dem der Arzt die Untersuchung vornahm, standen so gegen 100 Mann, die sich fast alle wegen Grippe krank gemeldet hatten. Wir Unteroffiziere wurden zuerst untersucht. Eine Untersuchung war es eigentlich nicht. Man wurde gefragt, wo es fehlte. […] Der Sanitätsunteroffizier […] mußte mir eine […] Pfefferminztablette geben, wobei der Arzt sagte: Kochen Sie sich Tee! Der nächste!“

Der junge Kriegsfreiwillige Ernst Jünger schrieb in seinem Tagebuch „In Stahlgewittern“: „… unser Ablösungsbataillon durch die Spanische Krankheit fast aufgelöst [..]. Doch erfuhren wir, daß sich die Seuche auch auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete; allerdings waren wir infolge der schlechten Verpflegung anfälliger. Dabei standen wir dauernd in Gefechtsbereitschaft.“

Natürlich erging es den Soldaten der Feindesmächte auch nicht anders, auch sie litten an der Grippe. An der Front im Westen erreichte die Zahl der Erkrankungen in den deutschen Streitkräften im Juni und Juli 1918 ihren Höhepunkt. Nur ein kleiner Teil der Grippekranken wurde in ein Lazarett gebracht. Die Kranken wurden in erster Linie mit fiebersenkenden und schmerzdämpfenden Mitteln behandelt.

Schätzungen zufolge sollen an die 24 000 deutsche Soldaten Opfer der Grippe geworden sein. Noch vor der Jahresmitte 1918 überschritt die Seuche den Rhein und begann sich in den deutschen Städten nach Osten auszubreiten. Die „Münchner Medizinische Wochenschrift“ berichtete im Oktober: „Aus allen Teilen Deutschlands werden zahlreiche Neuerkrankungen gemeldet, auch wieder Todesfälle. In München schätzte man die Zahl der Erkrankungen auf weit über 20 000; besonders ist hier die Schuljugend betroffen, so dass die Schließungen sämtlicher Volksschulen und auch vieler Mittel- und Privatschulen angeordnet werden mußte.“ Unter den Erkrankten dieser Tage war auch der damals in München weilende päpstliche Nuntius Eugenio Pacelli (1939 zum Papst Pius XII. gewählt): „Eine starke Grippe mit hohem Fieber befiel Exzellenz“, schrieb seine Haushälterin später.

Auf diese ersten Wellen folgte zur Jahreswende 1918/19 noch eine dritte Grippewelle. In Bayern starben insgesamt wohl mindestens 25 000 Einwohner an der Grippe, davon in München 3000, in Nürnberg 1500, in Rosenheim 50. Insgesamt dürften an der weltweiten Grippepandemie bei einer damaligen Weltbevölkerung von 1,8 Milliarden Menschen circa 25 bis 40 Millionen Menschen gestorben sein – das sind mehr Tote, als im Ersten Weltkrieg gezählt wurden.

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