Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, besuchte gestern die Betriebsversammlung der S-Bahn München. Vorher gab er unserer Zeitung ein Interview.
-Die neue Bundesregierung hat große Ziele mit der Bahn. Bis 2030 soll der Bahnverkehr verdoppelt werden. Ist das realistisch?
Nein. Viele Aussagen im Koalitionsvertrag sind positiv, auch der Anstieg der Budgets. Aber die Deutsche Bahn AG hat einen Grundfehler: Sie ist rein gewinnorientiert, was in der Vergangenheit dazu führte, dass oft Investitionen aufgeschoben wurden. Das muss sich ändern.
-Was schlagen Sie vor?
Wir fordern eine zweite Bahnreform, die Zusammenführung der Bahntöchter DB Netz AG, DB Station & Service AG und DB Energie GmbH in die Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH. Dadurch entfiele die gesetzliche Verpflichtung, Gewinne zu erzielen und im Zweifelsfall dann eben nötige Brückensanierungen aufzuschieben.
-Leidet die Bahn hier nicht an Fehlern der Vergangenheit – sprich den Börsenplänen?
Das stimmt. Unter dem DB-Vorstandschef Mehdorn wurden schlimme Fehler gemacht. Zum Beispiel steht jetzt im neuen Koalitionsvertrag der GroKo als Ziel der Betrieb von 740 Meter langen Güterzügen. Diese müssen im Mischbetrieb natürlich gelegentlich den Weg für schnelle ICE frei machen. Überholgleise wurden aber unter Mehdorn massiv abgebaut. Das rächt sich jetzt.
-Die Bahn verspricht auch einen Sprung ins digitale Zeitalter.
Das unterstützen wir. Hätte das Schienennetz flächendeckend die Sicherungstechnik ECTS Level 2, könnten viel mehr Züge in dichterer Abfolge fahren als heute. Ich befürchte aber, die Bahn setzt bei der Digitalisierung vor allem auf unsinnige Prestigeprojekte.
-Was meinen Sie?
Eine vollautomatisch betriebene Versuchsstrecke, mit der die Bahn offenbar liebäugelt, wäre volkswirtschaftlicher Wahnsinn. Es gibt heute nicht einen Eisenbahntunnel, der die Voraussetzungen dafür erfüllen würde. Da wären Milliardeninvestitionen notwendig – nur um einen Lokomotivführer einzusparen, der dann von einer Zentrale aus den Betrieb überwachen müsste. Dabei haben wir bei den Lokomotivführern doch heute schon massive Nachwuchsprobleme. Allein bei der S-Bahn München fehlen mindestens 60 Kollegen.
Interview: Dirk Walter