HEUTE ist weltspatzentag

Bedrohter Allerweltsvogel

von Redaktion

von dirk walter

München – Der Spatz ist ein reiner Stadtbewohner – doch in München ist er selten geworden. In der trubeligen Altstadt gibt es nur noch eine einzige Kolonie: am Marienhof. Allerdings wird dort seit einem Jahr gebaggert und gebohrt – die Bahn hat ihre Großbaustelle für die zweite Stammstrecke ausgerechnet auf dem letzten Rückzugsgebiet des Spatzen eingerichtet. Das blieb nicht ohne Folgen, bedauert die Biologin Lorena Heilmaier, beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) für Gebäudebrüter zuständig. „Wir können zusehen, wie es von Monat zu Monat weniger werden.“ Ursprünglich war die Kolonie am Marienhof vielleicht 20 bis 25 Tiere stark, schätzt Heilmaier. Jetzt sind es noch fünf bis sieben Vögel.

Es gibt weitere Alarmzeichen. Nach der Zählung bei der „Stunde der Wintervögel“ wurden in diesem Jahr statistisch gesehen nur noch 0,9 Spatzen pro Garten gezählt – ein Rückgang zu 2017 um zehn Prozent. Legt man die Daten von 2010 zugrunde, sind es sogar 77 Prozent weniger Haussperlinge, die häufigste Unterart des Spatzen. Seit 2016 ist der Spatz auf der Vorwarnliste der Roten Liste, die das Bayerische Landesamt für Umwelt erstellt hat. „Die Zeit, in welcher der Haussperling tatsächlich überall dort zu finden war, wo der Mensch lebt, ist vorbei“, bedauert der Vogelschutzbund.

Die Gründe sind mittlerweile gut erforscht: Spatzen sind reine Gebäudebrüter, finden jedoch kaum noch Nischen an großen Gebäuden, wo sie in zwei bis drei Wochen ungestört Nachwuchs groß ziehen können. Die Gebäudefassaden werden gegen Wärmeverlust gedämmt, da bleibt kein Spalt mehr für den Spatz. Also bleibt nur eine künstliche Rettungsinsel: der Spatzenkasten, der direkt am Haus installiert wird. „Er darf nicht an Bäumen aufgehängt werden, sonst schlupfen Meisen rein“, rät Lorena Heilmaier. Sie betreut im LBV das Projekt „Der Spatz als Botschafter der Stadtnatur“ und hat die Stadt München bei der Suche nach Gegenstrategien beraten. Der Erfolg: Seit vergangenem Jahr gilt in München ein verpflichtender ökologischer Kriterienkatalog für alle Bauvorhaben auf städtischen Grundstücken – egal ob Gewerbe- oder Wohnungsbau. Unter Punkt 7 („Artenschutz“) heißt es, in allen Gebäuden seien Quartiere für Gebäudebrüter wie Mauersegler, Hausrotschwanz oder eben auch den Haussperling vorzusehen. Sogar einen Schlüssel gibt es – je nach Hausgröße ein oder mehrere Brutkästen.

Der Verordnung ist vorbildlich, findet die LBV-Expertin. Und offenbar auch einzigartig. In Oberbayern hat nach Kenntnis des LBV nur Starnberg ebenfalls einen ökologischen Kriterienkatalog mit einem Unterpunkt zum Artenschutz – allerdings wird hier die Schaffung von Nistplätzen lediglich empfohlen, ist also freiwillig.

Wer keinen Nistkasten aufstellen mag, kann dem Spatz dennoch helfen. Zum Beispiel durch das Pflanzen einer Naturhecke, Liguster oder Berberitze, wo Spatzen Unterschlupf finden.

Jeder Spatz zählt – so ist das mittlerweile. Die Zeiten, in denen der Spatz zusammen mit Geschmeiß wie Brotkäfer, Buckelfliege oder der Deutschen Schabe als gemeiner Schädling klassifiziert wird (verschmutzt Hausfassaden mit Kot, heißt es in einem Internet-Lexikon), sollten jedenfalls vorbei sein, findet man beim LBV.

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