München/Unterschleißheim – Müsste man die Montessori-Schule in Unterschleißheim benoten, so wäre die Einrichtung wohl akut versetzungsgefährdet. Anders lässt sich ein Schreiben der Regierung von Oberbayern, das vom 12. Februar stammt, nicht interpretieren. Auf drei Seiten urteilt Gertrud Braese, Chefin der Sachgebiets 44 (Schulorganisation, Schulrecht) bei der Regierung von Oberbayern, nach einer unangemeldeten Vor-Ort-Überprüfung über den Unterrichtsverlauf an der privaten Montessori-Grund- und Hauptschule. Ein besorgter Vater hatte die Behörde informiert.
Das Zeugnis fällt vernichtend aus. „Beträchtliche Anteile des Unterrichts“, schreibt die Prüferin, würden von Zweitkräften erteilt – die jedoch „keinesfalls selbstständig Unterrichtsstunden abhalten“ dürften. Bei den Lehrerstunden gebe es „große Defizite“, und zwar in allen Jahrgangsstufen. Physik, Chemie und Wirtschaft würden in der 7. Klasse „überhaupt nicht“ angeboten, eine von zwei staatlich geförderten Ganztagsgruppen gebe es gar nicht, Unterlagen seien „wenig aussagekräftig“ und „äußerst unstrukturiert“.
Dass der Staat einer Privatschule so hart in die Parade fährt, ist nicht die Regel. Doch Betroffene klagen, dass die Schulaufsicht vor allem alternativen Schulmodellen – neben Montessori auch Waldorf – misstrauen. „Wenn Missstände auftreten, hat die Schulaufsicht die Pflicht, dem nachzugehen“, sagt Manfred Burghardt, geschäftsführender Vorstand des Montessori-Landesverbands. Aber die staatlichen Schulprüfer mache den Elterninitiativen, die meist mit viel Engagement solche Neugründungen vorantreiben, oft das Leben auch unnötig schwer, klagt Burghardt. „Ständig werden neue pädagogische Konzepte gefordert, das ist ein Ping-pong-Spiel.“ Offenbar ist die Bewertung der Konzepte, die auf die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952) zurückgehen, nicht ganz leicht. Die Schulen in Bayern haben mehrere Charakteristika: Zum Beispiel die Altersmischung – die Jahrgänge 1 bis 3 oder 4 sowie 4 bis 6 oder 5 bis 7 werden gemeinsam unterrichtet. Großen Wert wird auf Freiarbeit gelegt, wobei die Schüler selbstverantwortlich auf die Dokumentation ihrer Arbeit achten müssen. Noten gibt es, abgesehen von staatlichen Prüfungen, nicht. Pädagogen sind, so sieht es Montessori, vor allem „Lernberater“, die den Kindern helfen sollen, ihr Potenzial zu entfalten. Dafür sind viele Eltern auch bereit, ein Schulgeld von mehreren hundert Euro zu zahlen.
80 Volksschulen, zehn Fachoberschulen und ein Gymnasium (Gut Biberkor bei Starnberg) nach dem Montessori-Prinzip gibt es in Bayern. Jedes Jahr kommt es zu Neugründungen, die allerdings ein kompliziertes Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen. Es könne bis zu fünf Jahre dauern, berichtet Burghardt. Im neuen Schuljahr könnte es in Moosburg und Taufkirchen/Vils mit einer Montessori-Schule klappen. Weitere Initiativen gibt es in Wasserburg, München und Bogen (bei Straubing). Als Schock eingebrannt hat sich unter den Anhängern alternativer Schulformen der Entzug der Betriebserlaubnis für die Sudbury-Schule in Reichling (Kreis Landsberg). So kann es im Extremfall also auch laufen. Weil indes auch die Montessori-Anhänger die pädagogische Begutachtung durch die Regierung von Oberbayern als unfair empfinden, fordern sie eine neutrale Instanz. „Wir wollen eine Ombudsstelle“, sagt Burghardt – ein paritätisch besetztes Gremium, das unbefangen über die pädagogischen Konzepte nach Maria Montessori urteile. Das ist eine Forderung, die sämtliche Privatschulverbände teilen.
In Unterschleißheim sieht man unterdessen Fehler ein. „Wir haben sehr turbulente Zeiten hinter uns“, sagt Charlotte Hirth, die seit einigen Monaten im Vorstand des Trägervereins sitzt. Der Verein habe eine neue Führungsriege, die Schule eine neue Leiterin. Die Regierung bestätigt „Umstrukturierungen und Zusammenlegung von Gruppen“. Die Schule sei nicht von Schließung bedroht.