Kunststoff in Bayerns Flüssen

Überall Plastik

von Redaktion

von Josef Ametsbichler

Bayreuth – Wer mit der hohlen Hand in bayerisches Flusswasser greift, dem rinnen neben Wasser und Sand auch Teilchen durch die Finger, die dort eigentlich nicht hingehören: Plastik, meist so winzig, dass es mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist. Und doch dürfte es ein Risiko für die verletzlichen Ökosysteme der Gewässer im Freistaat darstellen.

Martin Löder von der Uni Bayreuth ist Mitglied einer Forschergruppe, die im Auftrag des Landesamtes für Umwelt (LfU) Donau, Isar, Inn und Altmühl auf Kunststoffpartikel untersucht hat. Fündig wurden die fränkischen Forscher immer – egal, wo sie ihre Filter ins Wasser hängten. Neun bis 150 Plastikteilchen wiesen sie je Kubikmeter (1000 Liter Flusswasser) nach.

Oft bestätigt sich die Vermutung, dass sich flussabwärts von Städten und Industriegebieten mehr Plastik im Wasser findet – wie es in der Isar um München der Fall ist. Manchmal schwanken die Werte aber sogar an derselben Messstelle: Wegen der wechselnden Strömungsverhältnisse sei es schwierig, repräsentative Proben zu nehmen, erklären die Forscher. Als Mikroplastik zählen bis zu fünf Millimeter große Stücke, die meisten sind viel, viel kleiner.

„Vielleicht ist das nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Umweltforscher Löder. Denn Sonnenstrahlen und Abrieb zersetzen Plastik, das einmal in die Umwelt gelangt ist, zu immer winzigeren Partikeln – so winzig, dass die Forscher davon ausgehen, dass eine Menge unerkannt durch die Filter schlüpft. „Das bringt man nicht mehr aus dem Wasser, sagt Löder. „Nicht, ohne es ganz totzufiltern.“

Winzig heißt nicht gleich harmlos. Der Forscher betont, es gebe zwar noch keine belastbaren Untersuchungen zu den Auswirkungen von Mikroplastik aufs Ökosystem, doch seine Eigenschaften sind problematisch: Verschlucken Lebewesen vom Fisch bis zum Winz-Krebs das unverdauliche Material, könne es den Verdauungstrakt verstopfen oder verletzen.

Und: „Plastik wirkt auf Schadstoffe wie ein Magnet“, sagt Löder. Nicht nur die je nach Material bereits enthaltenen Weichmacher oder Flammschutzmittel könnten also giftig oder auf den Hormonhaushalt von Tieren wirken, auch könnten die Teilchen Schadstoffe aus dem Wasser anziehen und bündeln – bis zum Hunderttausendfachen der Konzentration im Wasser. Es bestehe die Gefahr, dass sich die Schadstoffe entlang der Nahrungskette anreicherten.

Gegen den Kunststoffzustrom in Bayerns Flüsse etwas zu unternehmen, ist schwierig bis unmöglich, erklärt Löder. Kläranlagen könnten die winzigen Teilchen oft nicht filtern, die aus Kosmetik und Abrieb von Plastikgeschirr und Kleidung ins Abwasser gelangen. Dazu kommen weggeworfene Verpackungen und sonstiger Plastikmüll, den Wind und Regen zerfallen in Kleinstpartikel in die Gewässer tragen.

Helfen dürfte nur, weniger Plastikprodukte zu verwenden und wegzuwerfen. Ein hehres Ziel, um das es schlecht bestellt ist. Umweltforscher Löder beklagt eine um sich greifende „Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität“. Und was drin ist im Wasser, ist nun mal drin und zerfällt voraussichtlich erst über Jahrhunderte komplett. Untersucht haben die Forscher übrigens bisher nur ein paar Zentimeter Flussoberwasser. Als Nächstes geht es auf den Grund und in die Seen. Die aktuelle erste Studie hat also nur an der Oberfläche des Problems gekratzt.

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