Heimatkolumne

Abschied

von Redaktion

„Heute müssen Sie Abschied von einer lieb gewordenen Gewohnheit nehmen“, orakelte das Tageshoroskop. War ich schon wieder sauer! Von was für einer lieb gewordenen Gewohnheit eigentlich? Und Abschied für wie lange? Etwa für immer? Jetzt grad extra mit Fleiß nicht!

Was hab ich überhaupt für lieb gewordene Gewohnheiten? Bin ich vielleicht ein passionierter Nasenbohrer, der in höchster Gefahr ist, sich den rechten Zeigefinger zu brechen? Als ob es mit den anderen Fingern zur Not nicht auch ginge! Oder ein Schmatzer und Schlürfer beim Suppenessen, dem, wenn er darin fortfahre, die Scheidung von Tisch und Schüssel angedroht wird? Hol’s der Jupiter und der Saturn, ich bin mir weder lieb gewordener Untugenden noch hervorstechender Tugenden bewusst, von denen es Abschied zu nehmen gälte. Andere beißen Nägel und spucken sie in die Gegend. Ich nicht. Oder schnupfen Schmai und schießen mit Kleinkalibergewehren. Ich nicht. Oder naschen heimlich aus der Schreibtischschublade Gummibärle. Ich nicht. Oder streichen ihrer Sekretärin väterlich übers Haar. Ich nicht, weil ich keine hab. Oder küssen abends beim Nachhausekommen ihre Frau. Ich keine Spur!

Allerdings habe ich die Gewohnheit, in der Frühe aufzustehen. Aber das ist mir eher eine ungeliebte Gewohnheit. Halt: dass ich zum Frühstück eine Butterbreze bekomme, das ist mir schon lieb geworden. Aber warum sollte ich von dieser Gewohnheit Abschied nehmen müssen? Fallen mir etwa die Zähne aus? Noch schlafe ich mit meinem Gebiss im selben Zimmer!

Wenn ich zum Augenarzt müsste, wäre es vielleicht was anderes. Möglicherweise würde er mich bewegen, die lieb gewordene Gewohnheit, bis nach Mitternacht fernzusehen, aufzugeben. Obwohl das meinen Augen bisher kaum geschadet hat. Weil ich ja ungefähr gegen neun Uhr regelmäßig einschlafe. Diese Astrologen, wie die bloß auf ihre Prophezeiungen kommen!

Wenn der Bursche, der für mich und meine Zeitung zuständig ist, wenigstens geschrieben hätte: „Möglicherweise ist heute die Trennung von einer lieb gewordenen Gewohnheit nicht zu umgehen.“ Aber nein – er stellt es als feststehende Tatsache hin: „Heute müssen Sie Abschied nehmen…!“

Wenn ich die Wohnadresse dieses Herrn Astrologen wüsste, dann würde ich dem, ganz gleich, ob er nun im Zeichen des Stiers, der Kuh oder des Ochsen geboren ist, Folgendes voraussagen: „Sie erwartet heute Abend sehr unangenehmer Besuch. Öffnen Sie unter keinen Umständen!“ Womit dann allerdings auch die, auf mich bezogene Weissagung prompt einträfe; denn wenn ich nun „verdammter Schwindel-Fritze“ durch seinen Briefkastenschlitz riefe, dann nähme ich wahrhaftig Abschied von der mir lieb gewordenen Gewohnheit, mein Tageshoroskop unter keinen Umständen ernst zu nehmen!

Maßgeschneidert

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