Fanprojekt

Blau und Rot vereint gegen Rechts

von Redaktion

Von Klaus Vick

München – Rot und Blau vereint – das gibt es selten. Eigentlich nie. Bayern und 1860 verbindet einzig bittere Rivalität, auch wenn sich die ersten Mannschaften sportlich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr begegnet sind. Das Fanprojekt München hat beide Klubs zusammengeführt: „In Farben getrennt – in Erinnerung vereint“ lautet die Kooperation. Es geht darum, Zeichen gegen Rassismus zu setzen und rechtsextremes Denken aus der Fankurve zu verdrängen. Und es geht darum, die Geschichte beider Vereine während der Zeit des Nationalsozialismus zu beleuchten. Im Mittelpunkt des Projekts steht eine Fahrt zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz.

So kommt es, dass an diesem Abend im NS-Dokumentationszentrum der Fußball dominiert. Jochen Kaufmann, Leiter des Fanprojektes München, erzählt, die Idee sei entstanden, weil beide Vereine sich gegen rechtsextreme Tendenzen engagieren wollten. Seit Jahren leisten die Ultragruppierung des FC Bayern „Schickeria“ sowie die „Löwenfans gegen Rechts“ in dieser Hinsicht einen wertvollen Beitrag. Und seit Jahren betreibt das Fanprojekt München unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt flankierend Sozialarbeit.

Fußballfans sind ja eher eine schwierige Zielgruppe für Versöhnungspolitik. Aber genau das ist der Ansatz des Projekts. „Wir sehen die Aktion als Beginn und wollen die Sache in beiden Fan-Szenen vorantreiben“, erklärt Kaufmann.

So weit geht die Gemeinsamkeit des Projekts aber doch nicht, dass die Fans zusammen reisen würden. 16 Anhänger der Löwen sind bereits im Februar in Auschwitz gewesen, doppelt so viele Anhänger der Bayern sind am Freitag in Richtung Polen aufgebrochen. Anton Löffelmeier, Autor des Buchs „Die Löwen unterm Hakenkreuz“, war mit dabei in Auschwitz. Kaufmann stellt ihn als „bekennenden und leidenden Sechzger-Fan“ vor. Löffelmeier spricht von einer „sehr bewegenden Fahrt“. In seinem Buch hat er die Verstrickungen des TSV 1860 in die Machenschaften der Nazis und die Schicksale jüdischer Vereinsmitglieder aufgearbeitet. „Es ist wichtig, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen“, sagt der 58-Jährige, der im Stadtarchiv arbeitet.

1860 hatte in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Probleme mit Neonazis in der Fanszene. In der Allianz-Arena versammelten sie sich im Block 132. Der harte Kern sei zwar nicht verschwunden, sagen Löffelmeier und Kaufmann. Aber die Szene sei auch nicht gewachsen, eher im Gegenteil. Der harte Kern der Löwenfans gegen Rechts umfasst etwa 20 Leute, doch es gibt ungleich mehr Sympathisanten. Christian Exner, ehemals Fanbeauftragter des TSV und nun beim Fanprojekt München, sagt: „Je lauter die Stimme der Vernunft in der Kurve, desto weniger sind Rechtsextreme zu hören.“ Es werde diesen Leuten immer unangenehmer gemacht.

Dafür sorgt bei den Bayern seit Langem der unbequeme Fanclub Schickeria. Wie die Löwenfans gegen Rechts hat die antifaschistische Gruppierung bereits Preise vom DFB für ihre Aktivitäten bekommen. Die Ultras haben in Gedenken an den von den Nazis verfolgten jüdischen Vereinspräsidenten Kurt Landauer (1884 – 1961) eine Stiftung gegründet. Sie sammeln Geld, damit eine Statue auf dem Vereinsgelände an der Säbener Straße errichtet werden kann. Bei Spielen in der Arena gab es mehrmals beeindruckende Choreografien in Erinnerung an Landauer.

Simon Müller, Mitbegründer der Schickeria, kämpft für eine weltoffene Kultur in der Fankurve. Als er an diesem Abend im NS-Dokuzentrum gefragt wird, ob sich der FC Bayern ähnlich wie der Präsident von Eintracht Frankfurt gegen die AfD positionieren sollte, antwortet er: „Ich würde das begrüßen. Aber ich fände es falsch, das einzufordern.“ Müller glaubt, dass die Schickeria das Klima im Stadion verändert hat. Aber er ist nicht blauäugig: „Ich kann nicht in die Köpfe aller Leute in der Kurve schauen.“

Das bestätigt die Historikerin Nathalie Jacobsen, Mitarbeiterin des Dokuzentrums und der KZ-Gedenkstätte Dachau: „Wir können nicht die antifaschistische Schluckimpfung sein.“ Strukturen, die sich bei manchen Menschen über Jahre verfestigt haben, könne man schwer in ein paar Stunden mit dem Besuch einer Gedenkstätte verändern. Anton Löffelmeier ergänzt, es sei Aufgabe der Zivilgesellschaft – auch von Vereinen und Verbänden – diese Strömungen einzudämmen. Wie notwendig das ist, davon kann Jochen Kaufmann ein Lied singen: Auf der Facebook-Seite des gemeinsamen Fanprojekts gibt es auch Einträge, die fordern, man solle doch aufhören mit dem „Sch…“

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