Heimatkolumne

Poesie- Lehrstunde

von Redaktion

Wenn einen zum ersten Mal wieder die Frühlingssonne warm ummantelt – alle Jahre ist’s ein unbeschreiblich schönes Gefühl, sodass man am liebsten vergnügt pfeifend mit einstimmen würde in das hoffnungsfrohe Gezwitscher draußen vor dem Fenster. Ja, es ist wirklich Vogelgesang und kein Ohrensausen, wie man zunächst, durch einen langen und kalten Winter genervt, befürchtet hatte.

Dieses unbeschreiblich schöne Gefühl ist immer wieder beschrieben worden, von den großen Poeten aller Zeiten ebenso wie von zahllosen kleinen Gelegenheitsreimern. Das blaue Band, das der Frühling durch seinen Fahnenträger Eduard Mörike flattern lässt, unermüdlich (und unerbittlich) ist es zu Versen geschlungen worden: März auf Herz, Sonne auf Wonne, Lust auf Brust, Lerche auf – ja, auf was denn gleich? Kerche (für Kirche) oder Störche ist nicht gerade der Reimkunst letzter Schluss.

Zumindest die erste Strophe eines stimmungsvollen Frühlingsgedichts wollen wir versuchen, aufs Papier zu werfen. Da wäre zunächst ein zündender Anfang gefragt. Sie da hinten scheinen bereits einen Vorschlag zu haben. Bitte schießen Sie los. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings… Halt – leider muss ich Ihnen die rote Karte zeigen! Sie haben sich eines Plagiats, noch dazu an Altmeister Goethe, schuldig gemacht und werden für drei Strophen gesperrt!

Ihr Nachbar zur Linken hat offenbar eine bessere Idee. Bitteschön! Also ich tät mit einer Aufforderung an den Lenz beginnen und zwar so: Holder Frühling, zieh mit Blühen… Gar nicht schlecht. „Hold“ sagt zwar kaum noch jemand, es klingt etwas antiquiert, aber in unserem speziellen Fall ist es durchaus angebracht, aber wie soll es nun weitergehen? Ganz einfach: …in die sehnende Natur… Hm. Aber warum eigentlich nicht? Nun gilt es also, auf „Blühen“ einen passenden Reim zu finden. Wer hat einen Vorschlag? Bitte der Herr mit der Baskenmütze. Ich würde sagen: und vergessen sind die Mühen …. Toll! Da stimmt nicht nur der Reim, sondern auch das Versmaß. Sie scheinen ein Vollprofi zu sein. Heißen Sie vielleicht zufällig Rainer Maria Rilke oder Conrad Ferdinand Meyer?

Wir haben also jetzt: Holder Frühling, zieh mit Blühen / in die sehnende Natur, / und vergessen sind die Mühen … Was reimt sich jetzt auf Natur? Das kommt ja wie aus der Pistole geschossen. Ich wiederhole: stur – fuhr – Kur – nur – pur – Schnur – Schur – Ruhr … den Fluss oder die Krankheit?

Der Herr in der dritten Reihe schlägt „Kreatur“ vor. Wie könnte es jetzt weitergehen? Die Dame mit der grünen Bluse bitte: … Und vergessen sind die Mühen der frierenden Kreatur. Wäre in Ordnung, wenn das Versmaß nicht hinkte. Nun wieder unser Vollprofi. Er will die frierende Kreatur durch bedrängte Kreatur ersetzen. Das passt. Die erste Strophe hieße dann:

Holder Frühling, zieh mit Blühen / in die sehnende Natur, / und vergessen sind die Mühen/ der bedrängten Kreatur.

Hört sich gut an! Da lassen zumindest von ferne Eichendorff, Lenau und Trakl grüßen. Alles in allem, so schlecht im Dichten sind wir, wenn wir alle zusammen helfen, wirklich nicht!

Mag sein, dass wir dem Titel „Volk der Denker“ nicht mehr ganz gerecht werden, zum Volk der Dichter reicht es noch allemal. Zumal, wenn der Frühling ausbricht und unsere (nur geschlummert habenden) lyrischen Gefühle neu erwachen!

Maßgeschneidert

An dieser Stelle schreibt

unser Turmschreiber

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