Kolumne

von Redaktion

Der Münchner Norden sei der „Hinterhalt“ der Diözese, verkündete einstmals Weihbischof Heinrich von Soden-Fraunhofen von der Kanzel, verbesserte sich dann aber sofort: „Rückhalt“ habe er natürlich gemeint, „Rückhalt“!

Seit Sigmund Freud wissen wir, dass in jedem Versprecher ein Körnchen Wahrheit steckt. Vielleicht war dem katholischen Oberhirten irgendwie präsent, dass streitlustige Knechte der Grafen von Dachau im frühen Mittelalter eine bischöfliche Delegation überfallen hatten und ihnen eine kostbare Reliquie des Heiligen Kreuzes von Jerusalem entrissen hatten? Mit der Rückgabe nahm man es damals schon nicht so genau. Es bedurfte mehrerer Jahrhunderte und vieler diplomatischer Depeschen aus Rom, ehe das Kleinod dem Kloster Scheyern ausgeliefert wurde und dort seither als „Scheyrer Kreuz“ verehrt werden konnte.

Freilich waren auch die Schutzherren des dortigen Klosters, die frühen Wittelsbacher, in Sachen Eigentum offenbar nicht von schlechten Eltern, jedenfalls urteilte Bischof Otto I. von Freising über sie: „Nur wenige werden in dem Geschlecht gefunden, die nicht in offener Gewalttätigkeit wüten, oder, ganz von Sinnen, zu jeder kirchlichen und weltlichen Stellung unwürdig, dem Diebstahl und Straßenraub sich ergeben!“

Rückhalt hin, Hinterhalt her, unbestritten ist, dass das Land entlang der Amper, Ilm und Glonn nicht nur für die undurchsichtigen Machenschaften des einschlägig bekannten Räubers Mathias Kneißl Deckung bot, sondern auch für die schneller zu durchschauenden Liebeshändel seiner Zeitgenossen. Was den Wittelsbacher Potentaten in ihrem Dachauer Lustschloss nämlich recht war, sollte den Künstlern und Literaten billig sein!

Franz Marc etwa verbrachte den Sommer 1907 nicht etwa bei seinen Blauen Reitern in Murnau, sondern in der abgelegenen Mühle von Glonn bei Indersdorf. Dort widmete er sich der Malerei – eine schöne Studie ist uns bis heute erhalten –, vor allem aber seinen beiden Liebschaften Marie Schnür und Annette von Eckardt, letztere Ehefrau eines honorigen Akademieprofessors, die sich im nahen Großinzemoos einquartiert hatte. In Bad Mariabrunn harrte die Lyrikerin Regine Ullmann auf die seltenen Besuche ihres Galans Rainer Maria Rilke (er war auch in dieser Beziehung viel beschäftigt), und im Schloss Deutenhofen rauften sich Mathias Gasteiger und Julius Exner um die Gunst ihrer gemeinsamen Schülerin Anna Sophie.

Da liegt es doch gut in der Tradition, wenn auch der Monaco Franze, der ewige Stenz, dem das „Spotzerl“ Ruth Maria Kubitschek im Privatleben gänzlich wurscht war, das Haimhauser Café Madame – von Neidern „Café Hemdhoch“ genannt – vor allem „in eroticis“ besuchte.

Ob nun Rückhalt oder Hinterhalt – der Münchner Norden hat sich über Jahrhunderte als privates Rückzugsgebiet einen respektablen Namen gemacht, und die Wahrscheinlichkeit, dass unter uns reihenweise die ebenso illegitimen wie nichts ahnenden Nachkommen eines Kurfürsten Max Emanuel oder eines Räubers Kneißl leben, ist gar nicht so gering. Schaun’s nur mal ein bisschen genauer hin, wenn sie Ihr Weg hinausführt – in den wilden Münchner Norden!

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