Herzliche Grüße aus Oberbayern!

von Redaktion

Zufallsfund: Ein Postkartenalbum aus der Jahrhundertwende bietet einen faszinierenden Einblick in die Welt von damals

von dirk walter

München – Die Mitteilungen waren meist kurz und knapp: „Die besten Grüße aus Berg bei Starnberg“, hieß es da. Oder: „Gruss vom Taubenberg“ (bei Warngau) „sendet Dir zur Erinnerung an meinen Ausflug.“ Aus Vilshofen erhielt der Münchner Schmiedemeister gar romantische Zeilen: „Innigen Gruß sendet dir deine treue Käthi. Fahren heute über acht Tag nach Hause. Näheres durch meinen Brief.“ Mehr Platz war nicht auf den Postkarten anno 1900.

Es ist ein kleiner Schatz, den uns da das Ehepaar Barbara und Rudolf Leimböck aus Krailling (Kreis Starnberg) vorbeigebracht hat. Beim Aufräumen in ihrem Haus fanden sie ein Postkartenalbum aus der Jahrhundertwende – über 400 Karten mit Motiven meist aus unserer Region. Aus Freising, Kreuth und Starnberg. Viele auch aus München. Adressiert waren die Postkarten an einen Einwohner in der Großstadt München namens Bernhard Wöhr, der wahrscheinlich auch ein begeisterter Postkartenschreiber war, mit Sicherheit aber ein eifriger Sammler der Grußkarten.

Der Postkartenschatz ist ein zeittypisches Dokument. Die Jahrhundertwende war das „goldene Zeitalter“ der Postkarte, über die deutschen Haushalte ergoss sich damals eine regelrechte Postkartenflut. Für das Jahr 1900 sind knapp 955 Millionen beförderter Postkarten in der Statistik ausgewiesen. Eine unvorstellbare Anzahl, die im Zeitalter von WhatsApp und Facebook wohl nie wieder erreicht werden wird. Zum Vergleich: 2014 beförderte die Deutsche Post nurmehr 210 Millionen Postkarten. Übrigens war bis 1905 die Adressseite frei von Nachrichten zu halten, daher musste der Absender seine Mitteilung auf die illustrierte Seite der Karte schreiben. Da bleib meist nicht viel Platz für tiefsinnige Mitteilungen.

So handhabten es auch die Freunde und Bekannten, die ihre Grüße an den Münchner Messerschmied Bernhard Wöhr sandten. Nicht Urlaubsgrüße aus der Karibik oder den Warmwasser-Destinationen heutiger Zeit flatterten ihm ins Haus, sondern herzerfrischende Postkarten aus Andechs, Schliersee oder Wasserburg. Wenn’s weiter weg ging, auch aus Vilshofen.

Manchmal auch schlicht vom Oktoberfest. Dann sparte man sich im Adressfeld den Ortsnamen München und schrieb nur drauf: „Dachauer Straße No. 25, hier“ – hier in München. So war das eben damals: Wer einen Sonntagsausflug zum Ammersee machte, kaufte eine Karte, zum Beispiel mit dem Bild des Dampfers „Gisela“ (so hieß ein Pott damals tatsächlich). Vorne kam eine Fünf-Pfennig-Marke mit dem Königswappen drauf und ab ging’s zur Post. Liebesgrüße aus der Heimat!

Auf den Postkarten begegnen uns längst vergangene Zeiten. Es gibt Postkarten von der Jägerkaserne in Freising, vom Dorf Herrsching, dessen Bucht, heute eine Promeniermeile, damals am Seeufer gänzlich unbebaut war. Planegg und Krailling würde man nicht wiedererkennen, wenn es nicht dabeistünde und man staunt, wie klein Bad Tölz vom Kalvarienberg aus fotografiert damals war.

Sehr viel übrigens ist über Bernhard Wöhr nicht bekannt. Geboren 1876, war er Schleifer und Messerschmied in der Dachauer Straße – im Geschäft seines Schwagers Alphons Appel, das es bis 1962 gab. Mit 38 Jahren wurde Wöhr noch bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs eingezogen, allerdings kam er nicht an die Front, sondern zum „Technischen Betriebs-Bataillon München“, wo er, nicht untypisch als Schmied, in der Artilleriewerkstatt arbeitete. Was später aus ihm wurde, ist unbekannt.

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