Kampf eines Rentnerehepaars

Sie geben alles für die Enkel

von Redaktion

von Josef Ametsbichler

München – Christiane und Gerhard Mühlbacher* sitzen auf dem grauen Wohnzimmersofa in ihrem Reihenhaus in einer Kleinstadt nördlich von München, vertieft in die Vergangenheit. Auf dem Tisch vor dem weißhaarigen Rentnerpaar, sie 79, er 82 Jahre alt, liegt ein Fotoalbum. Seidenpapier raschelt beim Umblättern. Kindergesichter lachen den beiden entgegen und ein junges Ehepaar umarmt sich verliebt. Doch das Bilderbuch-Idyll existiert nicht mehr. Die letzten Seiten zeigen vermüllte Zimmer, Schimmel hinterm Kühlschrank und Putz, der von der Wand fällt. Bevor das Album ganz gefüllt war, hat sich das Schicksal eingeschlichen.

Der Tag, an dem das Unglück die Familie erwischt, ist der 2. April 2000. Andrea, die Tochter des Paars, 31 Jahre alt, ist mit ihrem VW Polo im toskanischen Livorno unterwegs. Sie lebt dort in der Nähe, der Liebe wegen. Es nieselt, ihr Auto glitscht von der Straße. Die Eltern eilen zum Flughafen. Als sie in der italienischen Klinik ankommen, ist Andrea tot. Ihr italienischer Ehemann Genesio verwitwet, die gemeinsamen Kinder Patrick, Jenny und Christoph, sieben, fünf und drei Jahre alt, sind Halbwaisen. „Das ist lange her“, sagt Christiane Mühlbacher, seufzt und faltet ihre Hände in den Schoß. „Die Wunden heilen, aber die Narben bleiben.“ An der Wohnzimmerwand hängt eine bemalte, hölzerne Marienfigur, rechts und links davon Bilder der drei Enkelkinder.

Das Schicksal ist damals noch nicht fertig mit den Mühlbachers. Das Ehepaar hatte Tochter und Schwiegersohn den Start ins Familienleben finanziert, für umgerechnet 125 000 Mark ein Reihenhäuschen unweit von Pisa gekauft, den Umbau gestemmt und es dem jungen Paar mietfrei überlassen.

Aber nach dem Autounglück zieht der Verfall in das Haus ein. „Unsere Andrea hat das alles geschaukelt“, sagt Christiane Mühlbacher. Der Schwiegersohn, Genesio, den eine kleine Schuhsohlenfabrik einigermaßen über Wasser hält, ist der Aufgabe als Familienoberhaupt nicht gewachsen. Das Haus verlottert und vermüllt. Zwischenzeitlich stellt die Gemeinde mal das Gas und mal das Wasser ab, während sich ungeöffnete Rechnungen und Mahnungen unterm Bett des Schwiegersohnes stapeln. Die Kinder gehen nur zum Zahnarzt, wenn es Oma und Opa organisieren. Wenn ihre Kleidung nicht mehr passt, bringen die Großeltern aus Deutschland neue.

Überhaupt geraten die Besuche der Mühlbachers bei Schwiegersohn und Enkelkindern zu Hilfseinsätzen. Alle paar Monate fahren sie, das Auto voll bepackt mit Kleidung, Essen, Werkzeug oder Material aus dem Baumarkt, die mehr als 700 Kilometer nach Süden. „Die Nachbarn haben uns im Scherz gefragt, ob wir in die Ost-Zone fahren“, sagt Gerhard Mühlbacher und schüttelt den Kopf. Nur wenige wissen, dass das Paar um die Kindheit und die Zukunft seiner Enkel kämpft. Die verbringen fortan so viel Zeit bei ihnen in Deutschland, wie es die italienischen Schulferien erlauben.

Der pensionierte Ingenieur hat eine Tabelle angelegt: Hundertzweiundzwanzig Mal waren die Mühlbachers in der Toskana, seit ihre Tochter dorthin ausgewandert ist. Insgesamt 2063 Tage haben sie dort verbracht, das sind über fünfeinhalb Jahre und 244 Alpenüberquerungen. Gut die Hälfte davon nach dem tödlichen Unfall, um Behördengänge zu absolvieren, das verwahrloste Haus auf Vordermann zu bringen und die Kinder zu betreuen – eben alles, was Genesio versäumte.

„Ich will nicht schimpfen über ihn, er ist ein netter Kerl“, sagt der Schwiegervater. „Ihm ist halt alles wurscht.“ Aber dann werden seine Lippen schmal. Der Rentner erzählt, wie der nun 53-jährige Schwiegersohn rund 650 000 Euro Versicherungssumme, die wegen des Todes der Tochter fällig wurden, in seiner Firma versenkt hat. „Davon hätte sich jedes der Kinder ein kleines Häuschen leisten können“, sagt er.

Es ist die Sorge um die Enkel, die das Rentnerehepaar auf Trab halten wird, solange die Kräfte reichen. Die Angst, dass sich die Söhne, nun 25 und 21, die noch daheim wohnen und sich mit Gelegenheitsjobs behelfen, von der Tatenlosigkeit des Vaters anstecken lassen. „Der Vater hat sie wortlos erzogen“, sagt Christiane Mühlbacher. Sie und ihr Mann zahlen Führerscheine, Kleidung, Taschengeld und Handyrechnungen. „Das sind wir unserer Andrea schuldig.“ Das Haus in Italien haben sie den Enkeln zu gleichen Teilen überschrieben. Obwohl er weiter darin wohnt, hat der Schwiegersohn so keine Handhabe. „So haben die Buben wenigstens ein Dach über dem Kopf“, sagt Gerhard Mühlbacher.

Dann öffnet er ein zweites Fotoalbum, in dem bisher nur wenige Seiten gefüllt sind. „Das ist unser neuer Sonnenschein“, sagt er und deutet auf ein dunkelhaariges Baby im weißen Strampler. Enkelin Jenny, heute 23, lebt bei ihrem Freund in Süditalien und ist kürzlich Mama geworden. „Jenny hat es gepackt“, sagt ihre Oma, die jetzt Uroma ist. Der Kleine heißt Andrea, in Italien ein Männername. Wie die verunglückte Tochter der Mühlbachers, seine Oma, die er nie kennenlernen wird. *Namen geändert

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