Ernteaussichten

Staubtrocken

von Redaktion

von Dominik Göttler

Neufahrn – Christian Meidinger steht in seinem Kartoffelacker im Neufahrner Ortsteil Mintraching (Kreis Freising) und hält ein Blatt in der Hand. Darauf krabbelt ein Kamerad, zu dem der Bio-Bauer ein gespaltenes Verhältnis hat. Es ist ein Colorado Beetle – zu Deutsch: Kartoffelkäfer. Meidinger liebt die Natur und ihre Vielfalt. Aber frisch gekochte Kartoffeln mit einem Butterbrot liebt er auch. Und das verleidet ihm der Colorado Beetle. Denn, wie Meidinger mit einer abgefressenen Pflanze auf seinem Acker demonstriert, hat der Kartoffelkäfer einen gesegneten Appetit. Für einen Bio-Bauern wie Meidinger, der auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichtet, ist es gar nicht so leicht, dem gefräßigen Sechsbeiner auf dem Acker Herr zu werden.

Schädlinge wie der Kartoffelkäfer können den Bauern die Ernte gehörig vermiesen. Doch in diesem Jahr ist es auch das Wetter, das den Landwirten Sorgen bereitet. Der extrem heiße und trockene Frühling sorgt für Einbußen bei der Getreideernte. „Wegen des langen und kalten Winters konnten unsere Pflanzen erst nicht richtig durchstarten“, erklärt der Getreidepräsident des Bauernverbands, Hermann Greif. Und dann kam der verrückte April: Es war nicht nur der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, gleichzeitig regnete es auch noch deutlich weniger als üblich. In manchen Regionen kam der Regen zwar später noch – aber dann oft so stark, dass Unwetter und Hagel wiederum Schäden auf den Feldern anrichteten. „Während in der einen Ortschaft alles abgesoffen ist, kam es vor, dass drei Kilometer weiter gar kein Regen gefallen ist“, sagt Greif.

Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU), die sich gestern auf den Betrieben von Christian Meidinger und seinem konventionellen Kollegen Franz Steigenberger in Neufahrn selbst ein Bild vom Zustand der Felder machte, rechnet deshalb mit einer leicht unterdurchschnittlichen Ernte. Besonders betroffen sind das nördliche Franken und der ostbayerische Raum. Mit Blick auf die anderen Bundesländer würden die Bauern im Freistaat aber noch „mit einem blauen Auge davonkommen“, sagte sie.

Denn parallel zur bayerischen Erntefahrt stellte der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, in Trebbin südlich von Berlin seine Ernteprognose vor. Und hier sind die Aussichten deutlich schlechter als in Bayern. Vor allem in Nordostdeutschland seien die Getreidekörner wegen des Wetters nicht ausreichend gereift und viel zu klein. Die Getreideernte werde wohl rund 41 Millionen Tonnen umfassen und damit deutlich unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre von knapp 48 Millionen Tonnen liegen. Von der Politik verlangte Rukwied Hilfe für die Landwirte: Sie müssten die Möglichkeit bekommen, in guten Jahren steuerfreie Rücklagen zum Risikoausgleich zu bilden. Diese Forderung griff auch Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl in Neufahrn auf. Angesichts bewährter Versicherungsmöglichkeiten gegen Hagelschäden müsse dies auch für Dürre und Hitze mit einem niedrigen Steuersatz möglich sein.

Es gab jedoch nicht nur negative Nachrichten bei der diesjährigen Erntefahrt. Landwirtschaftsministerin Kaniber beobachtet positive Entwicklungen beim Anbau: So geht der Maisanbau seit zwei Jahren zurück. „Damit ist eine Trendwende eingeleitet, hin zu vielfältigeren Fruchtfolgen.“ Außerdem wird immer mehr Braugerste angebaut, sodass die Brauereien wieder vermehrt auf heimische Gerste zurückgreifen können.

Landwirt Christian Meidinger nutzte die Gelegenheit, um einen Wunsch an die Politik zu formulieren. Der hat auch mit dem Kartoffelkäfer zu tun. „Ich würde mir mehr Forschung für ökologische Lösungen gegen Schädlinge wünschen“, sagt er. Davon würden nicht nur die Bio-Bauern, sondern auch die konventionellen Kollegen profitieren, fügt Heidl mit Blick auf die Verbote mancher Pflanzenschutzmittel hinzu. Und die Ministerin? Zeigt sich offen: „Ihr Wunsch ist uns Befehl.“

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