München – Einmal Drücken am Buzzer, dann ein Konfettiregen, den Bayerns Verkehrsministerin Ilse Aigner (CSU) zusammen mit einigen DB-Managern über sich ergehen lassen muss – endlich öffnen sich die Türen der neuen S-Bahn und man tritt in eine ziemlich neue Eisenbahnwelt. Erste Auffälligkeit: An den Eingängen fehlen plötzlich zwei Sitze. Dafür ist der Bereich durchlässiger. Es gibt neue Polster und eine neue Beleuchtung, die tageslichtabhängig gedimmt wird. An den Kopfenden des Zuges sind die Sitze als Eckbank angeordnet. Die Einstiege sind außen auch mit großen Piktogrammen markiert – damit Eltern mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer wissen, dass sie hier einsteigen sollen. Auch innen gibt es jetzt Markierungen auf dem Boden. Ein Pluspunkt dürften auch die freischwebenden Sitze sein – da kann man den Koffer drunter schieben. Kaum zu übersehen und gewissermaßen Prunkstück der S-Bahn sind die acht Monitore in jedem Zug. Sie zeigen den nächsten Halt an, ähnlich wie in der Münchner U-Bahn können aber auch Filmchen gezeigt werden.
Dass auf den Monitoren erst ab Ende nächsten Jahres auch Echtzeitinformationen etwa über Verspätungen und Störfälle flimmern werden – geschenkt. Die Verkehrsministerin war jedenfalls voll des Lobes für den neuen Zug, der „freundlicher, lichter und durchlässiger“ wirke. Johann Niggl von der Bayerischen Eisenbahngesellschaft spricht von einem „transparenten Innenraum-Layout“. Niemand müsse mehr Angst vor uneinsehbaren Ecken in der S-Bahn haben, sagte S-Bahn-Chef Heiko Büttner. Solche Ecken gibt es nämlich nicht mehr.
Größte Neuerung ist ein neues Raumkonzept, das auf Entwürfen des Münchner Designbüros Neomind beruht: Bisher stauen sich die Fahrgäste oft an den Eingängen, der Platz zwischen den Sitzgruppen werde zu wenig genutzt, sagt die Bahn. Das soll in den neuen Zügen anders werden. Die Durchgänge zu den Sitzreihen sind vergrößert, so hofft man, die Reisenden mehr in die Mitte zu lotsen. „Das Gedrängel beim Ein- und Aussteigen wird sich etwas reduzieren“, hofft Verkehrsministerin Ilse Aigner.
Mehr Freiraum an den Türen gab es freilich nur, weil sich die Bahn dafür entschied, 26 Sitze je Zug wegzulassen. Damit gibt es nunmehr 166 Sitze (statt 192) in der neuen S-Bahn. Das hat unter Senioren schon etwas Murren ausgelöst, doch die Bahn verteidigt die Entscheidung mit dem Hinweis, dass sich die Gesamtkapazität dadurch erhöhe: Inklusive Stehplätze hat ein Zug jetzt 612 statt wie bisher 544 Plätze. „Wir rechnen im Maximum mit vier Personen je Quadratmeter“ erläuterte S-Bahn-Chef Heiko Büttner.
„Einen Sitz im Eingangsbereich wegzulassen, ist sinnvoll“, sagt auch Andreas Barth vom Fahrgastverband Pro Bahn, der den neuen Zug insgesamt gelungen findet.
Kleines Manko ist die Platzierung der doch etwas opulent geratenen Monitore im Zug. Wer größer als 1,95 Meter ist, der läuft Gefahr, sich den Kopf anzuschlagen.
Noch stehen die beiden jetzt fertiggestellten Züge in der S-Bahn-Werkstatt Steinhausen im Münchner Osten. Nach einigen Sonderfahrten sollen sie ab Donnerstag im Regelbetrieb verkehren. Stück für Stück werden nun alle 238 S-Bahn-Züge modernisiert. Das dauert bis Ende 2020. Das „größte Projekt seit der S-Bahn-Inbetriebnahme 1972“ (Büttner) finanziert die Bahn nicht selbst: Die Investition von 300 Millionen Euro ist im Übergangsvertrag zwischen Freistaat und Bahn geregelt, die Kosten übernimmt der Steuerzahler. Die nun modernisierten Züge sollen erst nach Fertigstellung der zweiten Stammstrecke (wenn es gut geht: Ende 2026) nach und nach durch Neufahrzeuge ersetzt werden.