Immer sonntags, wenn die Bauersleut den Hof zum Kirchgang verlassen, schlägt er zu. Und das muss man wörtlich nehmen: Wenn der Simerl Nonnenmacher, Jahrgang 1815, sich einen reichen Bauern ausgesucht hat, den er um seinen Besitz erleichtern will, dann sind er und seine wechselnden Komplizen nicht zimperlich. Meist trifft es die arme Magd oder eine Tochter des Bauern, die mit Schlägen traktiert und mit dem Tod bedroht gezwungen wird zu verraten, wo der Bauer seine Wertsachen versteckt. Simerl kommt oft durch Tenne oder Stall, schlüpft durch die Balken, bleibt unerkannt – bis er sich in seiner ganzen Brutalität seinen Opfern zeigt.
Rabiate Kerle waren sie allesamt, die Nonnenmacher. Wuide Hund, ruchlose Weibsbilder. Und auch wenn es der Name vielleicht vermuten ließe: Mit dem Klerus hatte die berüchtigte Bauernfamilie nichts am Hut. Die Mitglieder trieben mehrheitlich als Ganoven ihr Unwesen im heutigen Kreis Ebersberg, im Raum Miesbach – im Grunde überall, wo sie hinkamen. Und sie hinterließen blutige Spuren in der Kriminalgeschichte Altbayerns.
Georg Gebhard aus Olching ist ein direkter Nachkomme, seine Ururoma mütterlicherseits war das jüngste Nonnenmacherkind. Der Name Nonnenmacher ist kein baierischer, „bis meine Vorfahren kamen, gab’s den hier nicht“, sagt er. Mit der Nonne hat er nichts zu tun, sondern geht auf das Handwerk des Kastrierens zurück. Mittelhochdeutsch „nonne“ oder „nunne“ heißt „verschnittene Sau“. Als Gebhard anfing, seine Familiengeschichte genauer unter die Lupe zu nehmen, ging es ihm vorrangig um eine schillernde Persönlichkeit im Stammbaum: Amalie Hohenester, geborene Nonnenmacher, die Doktorbäuerin und Kurpfuscherin von Mariabrunn im Kreis Dachau. Er fand bei der Recherche düstere Geschichten über ihre Geschwister und die Eltern, allesamt Wilderer, Holzdiebe, Raufbolde, Räuber und Vergewaltiger.
Streng genommen war die Familie Nonnenmacher zuagroast: Michael, das Familienoberhaupt, flüchtete Anfang des 19. Jahrhunderts mit Sack und Pack aus der Rheinpfalz in den Großraum München. Seine zukünftige Frau brachte er mit: Philippa kam mit ihrer Familie aus demselben Ort links des Rheins. Erst ließen sie sich in Vaterstetten nieder, bekamen 14 Kinder, von denen zehn das Kleinkindalter überlebten. Dann kaufte der Vater den Haberl-Hof in Marschall bei Holzkirchen im Kreis Miesbach. Wo auch immer sie waren: Meist saß mindestens einer von ihnen im Gefängnis, wegen kleinen oder größeren Vergehen. „Es war zum Teil so, dass die ganze Familie im Gefängnis saß, von der Oma bis zur 13-jährigen Enkelin“, sagt Gebhard.
Und der Schlimmste von allen war der Simerl. Simon Nonnenmacher, der drittälteste Sohn, kam schon als Bub mit dem Gesetz in Konflikt. Anders als die meisten seiner Geschwister, aber dem Vater ähnlich, war er ein brutaler, gewaltbereiter junger Mann. Er fing mit Diebstählen an, steigerte sich zum Räuber.
Anfangs bejubelt, rankten sich um Simerl schon zu Lebzeiten Legenden. Er brach einige Male aus dem Gefängnis aus, „es hieß, ein Nonnenmacher brauche ein Schloss nur anzuhauchen“, erzählt Gebhard. Doch die Popularität ließ nach, je rabiater Simerl in Altbayern zuschlug. Dass er Frauen, die zur Absicherung auf dem Hof blieben, misshandelte und auch einen Überfall auf einen Pfarrer nicht scheute, ließ ihn in der Volksgunst sinken.
Trauriger Höhepunkt: der Mord an einem Gendarm in Hallbergmoos, der ihm nicht nachgewiesen werden konnte. „Aber das war der Simerl“, ist sich Gebhard sicher. Oft genug war es so, dass die Nonnenmacher aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden. Das Leben des Simon Nonnenmacher endete trotzdem im Gefängnis: Er starb 1850 im Alter von 35 Jahren im Zuchthaus in der Au. Und die männliche Nonnenmacher-Linie starb in den folgenden 50 Jahren aus.
Kathrin Brack
Das Buch
„Die Nonnenmacher“ (360 Seiten, gebunden) von Georg Gebhard ist im Eigenverlag erschienen und kann für 24,50 Euro plus eventuell anfallende Versandkosten direkt beim Autor bezogen werden: per E-Mail an g-gebhard@freenet.de.