Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Busserl? Mein damals zukünftiger Ehemann hatte das große „Ereignis“ sogar mit einer romantischen Überraschung garniert: Er schenkte mir ein goldenes Kleeblatt mit Datum und den Buchstaben FK. „First Kiss“, gut getarnt. Schließlich sollte unser Herzklopfen vorläufig noch ein Geheimnis bleiben.
Der Internationale Tag des Kusses, am 6. Juli gefeiert, ist auch heute noch eine kleine Betrachtung wert. Etabliert wurde er zu Beginn der 90er-Jahre in Großbritannien, angeblich, weil man im Vereinigten Königreich der strengen Moral und konservativen Vorstellungen der Margaret-Thatcher-Ära überdrüssig war. Ein Schmatzer, ein Busserl, ein Bussi. Laut Statistik verteilt der Mensch im Laufe seines Lebens etwa 100 000 Küsse. Der Kuss – ein Siegel, ein Versprechen, ein Zeichen für Liebe, Freundschaft, Zuneigung.
„Rote Lippen soll man küssen, sind dem Himmel ja so nah“: Und alle tun es. Angela Merkel mit Barack Obama, jetzt mit Emmanuel Macron. Bei Donald Trump wird schon der Handschlag zum Problem. Hundert Mal verewigt: der berühmte Kuss auf die Lippen zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker 1979.
Grundsätzlich kann man alles küssen – Sportler ihre Pokale, das Foto eines geliebten Menschen, der Papst den Boden bei der Ankunft in einem fremden Land. Man kann ein Lippenstift-Küsschen als Liebesbeweis auf einen Briefbogen drücken. „Küss mich, sonst küss ich dich“, sagt Margarethe zu Faust. „A kiss is still a kiss“, singt Pianospieler Sam in „Casablanca“ für Ingrid Bergman. Doch Kuss ist eben doch nicht gleich Kuss.
Das Berühren zweier Lippen war schon vor Christus für Philosophen ein aufwühlendes Thema. Sokrates gilt als der Urahn aller Kussfeinde. Er rügte einen jungen Mann, den er beim Küssen ertappte. So mancher Dichter wiederum erklärte sich bereit, für einen einzigen Kuss zu sterben: „Und ist die Angebetete nicht zugegen, überhäuft ihr Bildnis, ihre Locken, ihre Spuren mit Küssen!“ Schillers Zeitgenossen waren von der Lyrik in „Die Räuber“ ergriffen: „Seine Küsse – paradiesisch fühlen, wie zwei Flammen sich ergreifen, wie Harfentöne ineinander spielen, zu der himmelvollen Harmonie.“
Im 13. Jahrhundert küsste der Bischof zu Speyer ungefragt die Ehefrau von Rudolf I. von Habsburg. Als Konsequenz wurde er des Landes verwiesen. Vorläufer der „Me Too“-Bewegung, könnte man sagen. Puristen der Barockzeit arbeiteten in besonderen Traktaten ein Kussrecht aus. Erst mit ihrer Eheschließung durfte eine verheiratete Frau die Geschwister ihres Mannes küssen. Küsste der Bräutigam bei Abschluss des Ehekontraktes die Braut, dann stand ihr nach seinem Tod automatisch die Hälfte des Erbes zu. Wurde der Kuss unterlassen, ging die Gemahlin leer aus.
Laut Archiv des Allenbach-Instituts war der Begrüßungskuss auf der Straße im Jahr 1980 noch zwei Dritteln der westdeutschen Bevölkerung fremd. Trendsetter der Küsschen wurde die junge Generation. Aus dem Alltag von Teenagern sind kleine Liebesbezeugungen in Form von Küsschen und Herzchen nicht mehr wegzudenken: keine SMS oder E-Mail ohne diese Verzierung.
Fast in Vergessenheit geraten ist der Handkuss, laut Knigge stand dieser ohnehin nur einer Dame zu, die verheiratet und älter als 30 Jahre war. Ich erinnere mich aber noch gut an Kronprinzessin Victorias Traumhochzeit mit ihrem Fitness-Trainer Daniel Westling. Während der Trauungszeremonie beugte sie sich immer wieder über die Hand ihres Liebsten und küsste diese mit Tränen der Rührung in den Augen.
„Da hilft kein Meditieren. Küssen kann man nur zu zweit. Ich wär’ dazu bereit“, gehört zu Max Raabes Repertoire. Wem am Tag des Kusses nicht nach Küssen zumute war oder ein „Kuss-Objekt“ fehlte, kann das heute nachholen. Einfach einen Schaumkuss genießen oder sich Couscous kochen. Zum Nachtisch gibt es dann noch ein Baiser. Als Elizabeth I. das Eischneegebäck erstmals verkostete, rief sie angeblich voller Verzücken: „Oh, das ist wie ein Kuss!“ Ich wär’ dazu bereit…
In diesem Sinn –
herzlich
Ihre Carolin