München – Das Wasser schießt sintflutartig durch die Tür, im Wohnzimmer reißt sogar der Boden auf. Das Erdgeschoss des Bauernhauses ist innerhalb von Minuten bis obenhin mit Wasser gefüllt. Möbel und Erinnerungen aus 60 Jahren sind unwiederbringlich zerstört. Geschehen ist das beim Pfingsthochwasser 2013 bei Deggendorf. Ein Landwirt stand plötzlich vor dem Ruin. Er war verzweifelt – aber nicht allein. Denn der Bäuerliche Hilfsdienst des Bayerischen Bauernverbands hat ihn unterstützt – wie rund 3200 weitere Landwirte in den vergangenen 50 Jahren.
Fünf Millionen Euro hat der Bäuerliche Hilfsdienst bislang für Notleidende gesammelt. 1500 Euro Unterstützung erhält ein Hof im Schnitt, im Höchstfall 5000 Euro. Die Hilfe ist eine schnelle und unbürokratische Unterstützung, sagt Anneliese Göller, Landesbäuerin und Vorsitzende des Bäuerlichen Hilfsdiensts. „Die Frage ist: Wie wird der Familie am besten geholfen?“ Oft erhielten bedürftige Landwirtsfamilien Geld, das sie für einen Betriebshelfer oder eine Haushaltshilfe einsetzen konnten. Oder die Möglichkeit, sich ein paar Tage zu erholen.
Landwirtsfamilien nach einem Schicksalsschlag komplett aufzufangen, sei durch die Spenden nicht möglich, betont Goller. Das sei Aufgabe der Versicherungen. „Es geht um ein Zeichen der Solidarität unter den bäuerlichen Familien.“ Um dieses Zeichen setzen zu können, initiierte die Landesfrauengruppe im Bauernverband 1967 das Jahresmotto „Hilf und lass dir helfen“. Ein Jahr später gründete sie den Hilfsdienst – das Motto hat sich bis heute bewährt.
An eine Unterstützung von 1500 Euro, also damals 3000 Mark, pro Hof war anfangs nicht zu denken. Gerade einmal 129 Mark sammelten die Landesbäuerinnen auf ihren ersten vier Tagungen. „Das zeigt, wie schwer es zu Beginn war“, sagt Göller. Deshalb ist sie stolz, dass der Hilfsdienst mittlerweile fünf Millionen Euro Spenden erhalten und weitergegeben hat. Welche Familien unterstützt werden, entscheidet ein dreiköpfiges Gremium um Anneliese Göller. Entscheidend ist, dass die Betroffenen unverschuldet in Not geraten sind. „Wir tilgen keine Schulden“, betont Göller.
Sie wünscht sich, Hilfsbedürftige in Zukunft noch besser unterstützen zu können. Doch dafür bräuchte es mehr Spenden – und der Bäuerliche Hilfsdienst müsse von den Fällen erfahren. Über Brände oder Umweltkatastrophen wisse man schnell Bescheid, bei persönlichen Schicksalen sei das anders. „Von selbst meldet sich niemand“, sagt Göller. Um auch von den vielen Einzelschicksalen zu erfahren, ist der Hilfsdienst auf die Personen vor Ort angewiesen, etwa die Kreisbäuerinnen.
Die Dankbarkeit ist immer groß, berichtet Göller. „Den Betroffenen ist wichtig, dass jemand an sie denkt.“ Das hilft in Krisen sehr. Die Deggendorfer Landwirte haben sich von dem Donauhochwasser 2013 nicht unterkriegen lassen. Die meisten haben weitergemacht.