Fürstenfeldbruck – Die Menschen, die im Büro von Jeanne-Marie Sindani Platz nehmen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch spätestens wenn sie der Fürstenfeldbrucker Asylsozialberaterin von ihrer Flucht berichten, beginnen sich ihre Geschichten zu gleichen. Sie fliehen aus ähnlichen Gründen, kommen mit denselben Illusionen nach Europa. Und mit denselben traumatischen Fluchterlebnissen.
Immer wieder hat Sindani einen Satz gehört: „Wenn die Menschen hier wüssten, was wir hinter uns haben, würden sie vielleicht anders über uns denken.“ Die 53-Jährige bekam diesen Satz nicht mehr aus dem Kopf. Irgendwann wurde er so mächtig, dass sie angefangen hat, die Geschichten aufzuschreiben. Und dann hat sie begonnen, Berichte über die Herkunftsländer zu lesen – um die Fluchtursachen zu analysieren. Korruption, fehlende rechtsstaatliche Strukturen in vielen afrikanischen Staaten, Organ- und Menschenhandel, Verfolgung religiöser Minderheiten. „Es ist eine humanitäre Tragödie, die sich gerade abspielt“, sagt Sindani. Mit ihrem Buch will sie den Flüchtlingen eine Stimme geben, sagt sie.
Die Geschichten sind anonymisiert, aber unverändert. „Es ist nur eine winzige Zusammenfassung“, sagt sie selbst. Aber eine, die den Blick auf die Flüchtlinge verändern kann, hofft sie. Gerade für die jungen Menschen sei die Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern schwer zu ertragen. „Sie sind leichte Beute für die Schlepper, die ihnen ein großes Gehalt und tolle Jobs in Europa versprechen – das Paradies eben.“ Deshalb hatte Sindani den Titel für ihr Buch auch schnell gefunden: Gestrandet im Paradies.
Jeanne-Marie Sindani weiß, was es heißt, in der Fremde zu stranden. Sie hat ihre Heimat, den Kongo, vor 30 Jahren verlassen. „Ich bin nicht geflüchtet“, betont sie. Sie hatte gerade ihr Pädagogik-Diplom geschafft, als ihre Eltern sie überredeten, in Deutschland bei ihrem Bruder weiterzustudieren. Denn das Mobutu-Regime ging damals immer brutaler gegen Studenten vor. „Es ist für jeden Menschen schlimm, die Heimat verlassen zu müssen“, sagt sie heute. Auch nach 30 Jahren in Deutschland wünscht sich Jeanne-Marie Sindani noch, irgendwann einmal wieder in den Kongo reisen zu können.
In ihrem Buch will sie nicht nur die Fluchtgeschichten und -ursachen beschreiben – sondern auch mögliche Lösungswege. Die Industrieländer müssten ihre Wirtschaftsweise umstellen, fordert sie. Solange es ihnen nur um Profit gehe und sie mit korrupten Regierungen oder Warlords zusammenarbeiten, werde sich die Situation in vielen afrikanischen Ländern nicht ändern. „Auch die Gesellschaft muss mitwirken, wenn sich etwas ändern soll“, sagt Sindani. „Und dafür muss sie sich erst mal mit der Situation in den Herkunftsländern befassen.“ Sie hofft, dass sie mit ihrem Buch viele Menschen erreicht. „Für die Flüchtlinge wäre das eine große Chance“, sagt sie.
„Gestrandet im Paradies“
ist im Lambertus-Verlag erhältlich. Preis: 19 Euro, ISBN 978-3-7841-3058-3. Jeanne-Marie Sindani stellt es heute in München vor (Korbiniansaal der Caritas, Lämmerstraße 3). Beginn ist um 17 Uhr.