Flugzeugabsturz auf der A9 vor 50 Jahren

Der letzte Segen auf dem Trümmerfeld

von Redaktion

Von Katrin Woitsch

Langenbruck/Ingolstadt – Als Heinz Wolf den Finger auf den Auslöser seiner Kamera legt, ist es gespenstisch still. Die beiden Polizeibeamten, die ein paar Meter entfernt stehen, sind genauso sprachlos wie er. Wie versteinert beobachten sie, wie der Rauch zwischen den Trümmern aufsteigt. Ein Pfarrer geht langsam an den brennenden Flugzeugteilen vorbei. Alle paar Meter bleibt er stehen, beugt sich leicht nach unten, spricht einen Segen. Dann geht er weiter – zum nächsten Leichenteil. Heinz Wolf erkennt sofort, dass er hier für niemanden mehr etwas tun kann. Nur seinen Job kann er machen. Er hält diesen furchtbaren Augenblick mit seiner Kamera fest. Das Bild erscheint am nächsten Tag im Donaukurier – und anschließend in vielen anderen Zeitungen. Auch noch Jahre nach dem schweren Flugzeugunglück. Das Foto geht um die Welt.

Heute, auf den Tag genau 50 Jahre später, liegt ein Abzug des Bildes in einer Schublade in Wolfs Wohnung in Ingolstadt. Mit einigen anderen Fotos, die er damals aufnahm, bevor die Rettungskräfte eintrafen. Er hat sie seit Jahren nicht mehr herausgenommen. Das muss er nicht. Denn die Szenen, die er beobachtete, sind in seiner Erinnerung noch sehr lebendig. „Sie haben mich durch mein Leben begleitet“, sagt er. Heinz Wolf war nach diesem 9. August 1968 jahrelang als Fotograf und Videoredakteur in Bayern unterwegs. Unzählige Unfälle musste er fotografieren, er hat tote Kinder gesehen und verbrannte Leichen. Aber er hat nie wieder etwas Schlimmeres gesehen als an diesem Tag auf der A9 bei Langenbruck.

Ein viermotoriges Propellerflugzeug der British Eagle International Airlines war dort auf die Autobahn gekracht. Die Maschine war von London auf dem Weg nach Innsbruck, als an Bord Elektrik, Funk und Navigation ausfielen. Wegen dichter Wolken ging der Kapitän in einen steilen Sinkflug, doch die Belastung für das Flugzeug war zu groß. Die Außenflügel brachen – es stürzte ab wie ein Stein. Die 48 Menschen an Bord hatten keine Chance zu überleben. Es dauerte tagelang, bis alle Opfer identifiziert waren.

Als Heinz Wolf eine Viertelstunde nach dem Absturz am Unglücksort eintraf, ahnte er noch nicht, dass dort tagelang noch Leichenteile geborgen werden würden. Aber er spürte, dass er gerade wohl das Bild seines Lebens gemacht hatte. Dankbar war Heinz Wolf nie dafür, dass er einer der ersten an der Absturzstelle war. Er war damals 42 und Bundeswehroffizier. Nebenbei machte er als freier Fotograf Bilder für den Donaukurier. Dafür hat er den Polizeifunk mithört. Gerade als er an diesem Freitagmittag aus dem Kasernentor in Ingolstadt fuhr, kam die Nachricht von dem Absturz. „Die A9 war nur ein paar hundert Meter entfernt“, erzählt er. Er fuhr sofort hin. Der Verkehr stand bereits still. Wolf stieg gerade in dem Moment aus seinem Auto aus, als ein Polizeiauto vorbeifuhr. Die Beamten kannten ihn von seinen Einsätzen – und boten ihm an, ihn mitzunehmen zur Unglücksstelle. „Als wir dort ankamen, war noch niemand da“, berichtet Wolf. „Und was wir sahen, hat uns alle erschüttert.“

Heinz Wolf hatte 1944 an der Ostfront gekämpft. Das habe ihm geholfen, den Anblick auszuhalten, sagt er heute. Das Fotografieren vielleicht sogar noch mehr. „Ein Objektiv schafft Distanz“, erklärt er. Und trotzdem spürte er schon damals, dass er die Bilder nicht nur auf seinem Film haben würde – sondern auch für immer in seinem Kopf. Er brachte den Film zum Entwickeln in die Zeitungsredaktion und fuhr danach nach Hause. „Ich habe lange mit meiner Frau gesprochen“, erinnert er sich. „Und trotzdem konnte ich nächtelang nicht schlafen.“

Das Bild, das er gemacht hatte, sah er das erste Mal am nächsten Tag – gedruckt in der Zeitung. Und in den folgenden Jahren immer wieder, zum Jahrestag des Unglücks. Noch immer bekommt er dabei Gänsehaut. Erst viel später erfuhr er, dass der Pfarrer damals auf dem Weg zu einer Hochzeit war. Er fuhr auf der A9, als das Flugzeug dort aufprallte. Wie durch ein Wunder kam kein Autofahrer ums Leben. Lediglich ein VW Käfer prallte in ein Trümmerteil. Als der Pfarrer sah, was passiert war, klemmte er sich seinen Regenschirm unter den Arm, stieg über die Leitplanke hinunter aufs Trümmerfeld und begann damit, die Toten zu segnen. Heinz Wolf hat nie ein Wort mit ihm gesprochen. Er kennt nicht mal den Namen des Mannes.

Drei Tage später musste er wieder zu der Unglücksstelle fahren. Diesmal nicht als Fotograf, sondern als Offizier. „Wir Bundeswehrler mussten die Trümmer einsammeln“, erzählt er. Danach kamen die Schaulustigen. Sie nahmen Wrackteile mit oder hielten nach Wertgegenständen Ausschau. Betty Reith wohnt in Langenbruck, sie konnte damals nur den Kopf schütteln über diese Menschen. Ihr Mann und sie sahen das Flugzeug damals vom Himmel stürzen. „Mein Mann ist sofort mit dem Moped losgefahren“, erzählt die heute 82-Jährige. Er kam bald wieder zurück. „Du kannst dir nicht vorstellen, was dort passiert ist“, sagte er damals erschüttert.

Betty Reith ist erst Jahre später das erste Mal an der Absturzstelle gewesen. Dafür war sie jede Woche an dem Grab, in dem die Leichenteile beerdigt wurden, die den Opfern nicht zugeordnet werden konnten. Sie hat einen Schreiner gefunden, der ihr kostenlos ein Kreuz dafür anfertigte und einen Maler, der es anstrich und die Aufschrift „Flugzeugabsturz 1968“ anbrachte. Betty Reith hat Blumen auf dem Grab gepflanzt – und sich vier Jahrzehnte darum gekümmert. Bis diese Arbeit für sie zu beschwerlich wurde. Nun hat die Aufgabe eine andere Langenbruckerin übernommen. „Sonst hätte ich damit nicht aufhören können“, sagt Reith. „Dafür war es mir immer ein zu großes Bedürfnis, dass die Opfer nicht vergessen werden.“

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