Die Glocke läutet zum dritten Mal. Im Opernsaal ist es gesteckt voll. Aber Walburg Roth muss in die Mitte der Galerie zu ihrem Platz. Den haben ihr Freunde geschenkt. Sonst hat sie immer einen Hörerplatz links außen. „Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung“, wispert sie. Die Sitzenden müssen aufstehen. Sie hofft, dass sie niemandem auf die Füße tritt. „Ach! Des san doch immer wieder die Gleichen.“ Eine Frauenstimme aus dem Nichts. Jetzt platzt Walburg Roth der Kragen. Sie dreht sich um und schaut der Frau ins Gesicht. „Kemman Sie vom Tegernsee?“, fragt sie. „Ähm, nein.“ „Haben Sie Kühe dahoam?“ Jetzt sagt die Frau nichts mehr.
Knapp war es allerweil, wenn Walburg Roth, 70, aus Dürnbach (Kreis Miesbach) in die Oper nach München fuhr. Früher als sechs Uhr kam sie nie los. Erst wenn sie mit der Arbeit im Stall fertig war, konnte sie in den Konzertsaal. Den sechs Kühen im Stall war es nämlich egal, ob Händels „Ariodante“ oder „Xerxes“ am Abend in der Staatsoper spielte. Walburg Roth war es nicht egal. Oper, Theater und klassische Musik sind die große Leidenschaft der Bäuerin. Regelmäßig ist sie von ihrer kleinen Landwirtschaft in Dürnbach bei Gmund nach „Minga“ gefahren, wenn ihr ein Stück oder eine Besetzung gefallen hat. Das Haus, das ihre Großeltern 1910 gekauft haben, heißt „Beim Falter“. Walburg Roth ist die Falterin von Dürnbach. Nach der Arbeit stellte sie die Heugabel in die Ecke, stieg aus den Gummistiefeln, sprang in die Dusche, richtete die Haare, stieg ins guade Gwand und bretterte auf die A8 Richtung München. Die Vorstellung begann um 19 Uhr.
Schaut man sich genau in dem kleinen Bauernhaus mit der Lüftlmalerei an der Dürnbacher Hauptstraße um, erkennt man die Lieben der Walburg Roth sofort. Neben dem Herrgottswinkel in der Küche liegt ein Stapel CDs. Mozarts „Cosi fan tutte“, Strauss’ „Ariadne auf Naxos“. Händels Oper „Giulio Cesare“, die sie 20 Mal gesehen hat. Dazwischen die Roaner Sängerinnen und das Tobi Reiser Ensemble. Sogar eine CD von Joan Baez. Melodie ist in Walburgs Roths Stimme verwoben. Wenn ein Lied aus dem Radio klingt, summt sie mit. Wenn sie spricht, singt sie.
Bis vor wenigen Jahren stand sie noch regelmäßig auf der Bühne. 20 Jahre spielte sie Bauerntheater. Mit zehn hatte sie den ersten Zitherunterricht, mit 14 trat sie mit ihren Schwestern als Dreig’sang auf – insgesamt 50 Jahre lang. Mit 16 sang sie ihr erstes Solo. „Des singst jetzt Du“, haben sie im Kirchenchor gesagt. Immer wieder wurde sie darauf angesprochen, dass sie eine professionelle Ausbildung machen müsse. In der Stadt am Konservatorium. Doch Walburg Roth wollte nicht. „Na, hob i mir denkt. Des mach ich nicht. Dann kann ich keine Volksmusik mehr singen.“ Die Stimme verbildet sich, wenn sie geschult wird, verliert ihre Natürlichkeit. „Der Meinung bin ich immer noch.“ Walburg Roths Augen sind klar wie zwei Kristalle. Hellblau wie die Aquamarinohrringe, die sie trägt.
Gesungen hat die Bäuerin aus Dürnbach auch ohne Ausbildung. Jahrzehntelang sang sie Requien, Arien oder bayerische Weisen bei Hochzeiten, Festen und Beerdigungen. Wenn es sich nicht ausging, saß sie mit Notenblättern auf dem Traktor. Manchmal hat sie im Stall gesungen. Salome, Aida und Carmen haben ihr zugehört. Damals taufte Walburg Roth ihre Kühe nach berühmten Opernfiguren.
Gesagt haben auch ihre Lehrer in der Volksschule in Gmund, dass Walburg aufs Gymnasium gehen sollte. Gefallen hätte ihr das schon. Andererseits war für sie eines klar: „Ich hätt ein Problem ghabt dahoam.“ Als Erstgeborene sollte sie den Hof übernehmen. „Zum Kühemelken und Ausmisten braucht man keine Oberschule“, hat die Großmutter gesagt. Der Vater hätte lieber an einen Sohn übergeben, doch der blieb aus. Bei der Geburt der ersten Tochter war er so grantig, dass er die Mutter nicht einmal im Krankenhaus besucht hat. „Irgendwann hat er sich damit abgefunden“, sagt Walburg Roth. Er hat ihr alles gezeigt, was ein Bauernbua können muss. „Und i hobs a do.“ Von klein auf half Walburg Roth in der Landwirtschaft mit. Morgens vor der Schule fuhr sie mit ihrem Vater auf dem Traktor mit aufs Feld, um Gras für die Kühe einzufahren. Der Vater hat die Kupplung extra so verbogen, dass auch sie mit ihren sechs Jahren sie runtertreten konnte. Bereut hat sie es nie, dass sie zu Hause am Hof geblieben ist. „Das ist mein Leben. Ich gehöre hierher.“
Als sie ihren Quirin geheiratet hat, war klar, dass sie mit dem Hof weitermacht. Ihr Mann, ein Bildhauer, hatte seine Werkstatt. In der Landwirtschaft arbeitete er nicht mit. Ihre vier Kinder haben alle einen Beruf gelernt und halfen der Mutter, wenn Not am Mann war. Tochter Cäcilie ist Bankkauffrau, Veronika ist auch Bildhauerin. Der Jüngste, Marinus, ist Maurermeister. Der älteste Sohn Anian ist Schreiner. Und Bauer. Er ist der Meinung: „Aufhören derma ned.“
Walburg Roth lächelt. Wie es mit dem Falterhaus weitergeht, weiß sie nicht. „Ich mache solange weiter, wie es eben geht“, sagt die Bäuerin. Aufzwingen würde sie ihrem Sohn den Hof nicht, sagt sie. Vor allem in Zeiten, in denen es für kleine Landwirtschaften nicht leicht ist. „Da braucht man nichts erzwingen.“ Walburg Roth weiß, dass man sich manchmal zurückhalten muss. Lieber nichts sagt, sondern beobachtet. „Irgendwann, dann passt’s amoi.“
Sie nimmt einen Zettel aus einer Schatulle und liest laut vor. „Nie was man will, immer was wird.“ Neben dem CD-Stapel in der Küche sind Zeitungsschnipsel mit einem Nagel befestigt. Sprüche oder Weisheiten, die Walburg Roth ausgeschnitten und an die Wand gepickt hat. Mehrere Schatullen hat sie im Haus, voll mit weiteren kleinen Schnipseln. Manchmal, wenn sie einen Rat braucht, zieht sie einen der Zettel heraus. Manchmal liest sie sie nur so. Das macht sie auch jeden Abend, bevor sie schläft. Ein Satzl vom alten Seneca. „Wenn man ihn liest, weiß man, dass vor 2000 Jahren die Probleme die gleichen waren.“ Viel steckt in seinen Sätzen. „Gelassenheit zum Beispiel.“
Die Gelassenheit zu bewahren, war nicht immer einfach. 2009 hatte Walburg Roths Mutter einen Schlaganfall und war halbseitig gelähmt. Vier Jahre hat ihre älteste Tochter sie zu Hause gepflegt. Die Oper oder ein Konzert hat sie damals sehr selten besucht. Sie fuhr nicht weg, sondern blieb bei der Mutter. „Ich hab sehr viel gelernt“ sagt sie. Etwa zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.
Ihre Heimat ist Walburg Roth wichtig. Ebenso wie ihre Ahnen. In der Wallfahrtskirche Birkenstein betet sie zu ihnen. Ihre Familie ist ihr wichtig. Die Landwirtschaft. Und immer die Musik. Trotzdem hat sie mit dem Singen vor einigen Jahren aufgehört. Aus dem Kirchenchor trat sie aus, als sie 60 wurde. „Des konnst du doch gar ned“, haben sie gesagt. „Ich hab mir gedacht, des segts scho, ob i des konn.“ Ihr ist lieber, wenn die Leute sagen: „Sooo schod, dass du nimmer singst.“ Sie will nicht, dass sie sagen: „Mei, jetzt singt de oiwei no.“
Im Dezember macht Walburg Roth eine Ausnahme. Dann tritt sie beim Salzburger Hirtenadvent in der großen Aula der Universität auf. Den Text hat sie schon daheim. Auch mit ihm wird sie einmal auf den Traktor steigen.