HeimatKolumne

von Redaktion

Zugegeben, ein wenig sonderbar mutet es schon an, wenn die UNESCO das Bairische seit geraumer Zeit zu den aussterbenden Sprachen dieser Welt zählt! Da fühlt man sich doch als hiesige Spezies gleich viel solidarischer mit den vielen Völkerschaften an Amazonas, Sambesi und anderen entlegenen Gewässern, denen ein gleiches Schicksal droht. Pygmäen aller Länder, vereinigt euch, möchte man rufen, oder – themengemäßer – „Zammhoitn, Leid!“

Dass sich seit Jahren hiesige Mundartvereine gegen diesen Erosionsprozess stemmen und, vor allem im Schulbereich, einige Erfolge aufzuweisen haben, ist löblich und unterstützenswert. Freilich steckt der Teufel, respektive der Sparifankerl, wieder mal im Detail. Denn, den einen oberbayerischen, gar gesamtbayerischen Dialekt gibt es nämlich gar nicht. Unsere Lande sind durchzogen von unsichtbar feinen, aber zähen Sprachgrenzen. Nicht wenige Landkreise können auf zwei, drei abweichende Formen des Dialekts verweisen. Von einem Dorf zum anderen nimmt die Mundart in Nuancen andere Formen an, Fachleute können einen Dialektsprecher in der Regel auf fünf bis zehn Kilometer genau lokalisieren.

Was lernen wir daraus? Dass alle Formen von Lokalpatriotismus, wonach nur der eigene Dialekt der einzig wahre und richtige sei, unhistorisch und sinnlos sind. Dass mangels bairischer Grammatik immer noch eine Vielzahl von Schreibweisen des Bairischen möglich ist. Dass die Buntheit durchaus als Schatztruhe zu sehen ist und nicht als Bedrohung. Dass wir wahrhaft größere Probleme zu lösen haben, als die mit blutigem Ernst geführte Debatte, ob das Bairische nun eine Mundart oder eine Sprache sei. Mal ganz abgesehen davon, dass es immer noch darauf ankommt, was einer sagt, und nicht, in welchem Dialekt er dies tut…

Noch ein viel gescholtenes Phänomen ist gar nicht so neu. Dass nämlich Menschen, die aus ländlichen Räumen in die Großstadt ziehen, ihren Dialekt mäßigen und abflachen. Das Münchnerisch war schon im 19. Jahrhundert ein anderes Bairisch als das, das man in Miesbach, Garmisch oder Freising gesprochen hat. Plötzlich sagte man Giaßkanner statt Spritzkruag, Pinsel statt Bembsel, Treppenglannder statt Handhebn und Bruin statt Augngläser.

Wem diese Lektion besonders nachhaltig eingetrichtert wurde, war die blutjunge Lena Christ, als sie 1888 von Glonn im Landkreis Ebersberg nach München verfrachtet wurde. Zum Abschied gab ihr der Großvater noch tüchtige Ratschläge: „Jetzt derfst fei nimma Kuchei sogn, jetz hoaßts Küch, und statt da Stubn sogt ma Zimma und statt Flöz sogt ma Hausgang. Und Kihrwisch sogt ma aa nimma, sondern Kehrbesen!“ Wie wir aus der Literaturgeschichte wissen, hat sich die Lena Christ durchaus in das elegante Idiom des Münchnerischen eingelebt, aber aller Anfang war schwer. Den letzten Rüffel vom Großvater gab’s, als das junge Mädel an einem Fischstand vorbeiging und bass erstaunt ausrief: „Do schau her, wie dee Fisch s´Mäu aufreißn!“

Nun, s´Mäu aufreißn tun heut auch noch viele. Aber sagen tut man halt anders dazu. Schad eigentlich!

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