Regensburg – Welche Anspannung auf dem Angeklagten lastet, wird nach 80 Minuten deutlich. Fast eineinhalb Stunden hat der 47-Jährige mit versteinerter Miene und leerem Blick die Verlesung der Anklage erduldet, die Hände mal vor sich auf dem Tisch, mal vor dem Mund gefaltet. Dann unterbricht die Richterin Elke Escher erstmals den Prozess. Der Regensburger OB schlendert nach draußen, wo er einige Sätze zu Journalisten sagt. Dann mag er nicht mehr: „Außerdem will ich jetzt eine rauchen“, sagt er. Das ist jetzt wohl dringend nötig.
Zum Auftakt des Prozesses gegen den Regensburger OB Joachim Wolbergs und drei Mitangeklagte wegen möglicher Korruptionsdelikte ist der eigentlich erwartete Publikumsandrang ausgeblieben. Zwei Dutzend Zuhörer sind erschienen, es sind etliche Sitzplätze frei. Eng ist es nur auf den Anklagebänken im großen Sitzungssaal 104 des Landgerichts Regensburg, wo insgesamt 16 Personen Platz finden müssen. An vorderer Stelle: Wolbergs und seine beiden Strafverteidiger, hinter dem OB Volker Tretzel mit gleich drei Verteidigern und einem eigens engagierten Stenografen. Jener Baulöwe, der für sechsstellige, zur Tarnung gestückelte Spenden an die SPD und andere Gefälligkeiten angeblich eine Gegenleistung erwartet hatte: nämlich den Zuschlag für die Bebauung der Nibelungenkaserne, den ihm Wolbergs und der ebenfalls angeklagte SPD-Stadtrat Norbert Hartl zugeschanzt haben sollen.
Der 76-jährige Tretzel wirkt wie das Gegenstück zu Wolbergs – äußerlich gelassen hört er den beiden Staatsanwältinnen zu. Als Staatsanwältin Ingrid Wein minutenlang die einzelnen Spenden verliest, die immer selben Namen, der immer selbe Betrag „9900 Euro“, knapp unterhalb der Veröffentlichungsgrenze, putzt sich Tretzel entspannt seine Brille.
Nach Ende der Unterbrechung ist an diesem Montag zunächst Wolbergs’ Verteidiger Peter Witting an der Reihe. Er redet fast ebenso lang wie die Staatsanwaltschaft. Eineinhalb Stunden lang wendet er sich, fast wie ein Entertainer, immer wieder an die Zuhörer im Saal und versucht, das „unschöne Bild“, das Medien und Staatsanwaltschaft von Wolbergs gezeichnet hätten, zu revidieren. „Man hat meinen Mandanten vernichtet und das werden wir nicht mehr korrigieren können“, resümiert Witting irgendwann. Und fügt an: „Seine Existenz ist zerstört.“
Der Strafverteidiger zeichnet das Bild eines sich selbst verstärkenden Zusammenspiels von Medien und Staatsanwaltschaft, das dafür verantwortlich sei. Er habe teils Anfragen bekommen „mit Zitaten aus Ermittlungsakten, die mir selbst noch nicht einmal vollständig vorlagen. Wer hat das wohl durchgestochen?“ Flankierend wirft Witting Schlagzeilen und Auszüge aus verschiedenen Medien an die Wand, um seine Kritik zu belegen.
Die richtet sich gegen das Vorgehen der Ermittler insgesamt. Fundamentale Regeln der Strafprozessordnung seien missachtet und die Arbeit der Verteidigung massiv erschwert worden. Als Beispiel nennt Witting die Telefonüberwachung, bei der auch Verteidigergespräche mitgeschnitten wurden.
Vergleichsweise eher am Rande geht Witting auf die konkreten Vorwürfe ein. Die Spenden verteidigt er, selbst in der in Rede stehenden Form, als legal. Weder deren Höhe noch die Tatsache, dass das Geld von einem Bauunternehmer kam, noch dass die Grenze zur Veröffentlichung unterschritten worden sei, führe zur Strafbarkeit. Rechtslage und Rechtsprechung seien schwammig und würden, da sei er sich sicher, durch dieses Verfahren weiter fortgeschrieben. „Und machen wir uns doch von dem Gedanken frei, dass nur mein Mandant für seinen Wahlkampf tief in die Tasche greifen musste.“
Wolbergs nickt zustimmend. Er selbst hat angekündigt, sich heute umfassend zu den Vorwürfen zu äußern.