München – Marianne Wagner kann sich gut an die Jahre erinnern, in denen sie für jeden Apfel dankbar war. Eine Situation wie in diesem Herbst hat die Sprecherin des Lebensmittel-Netzwerks „Unser Land“ dagegen noch nie erlebt: „Wir mussten ein Viertel der Sammeltermine absagen. Die Natur hat ihr Füllhorn ausgeschüttet. Es ist eine Flut, die wir nicht bewältigen können.“
In zehn Regionen – von Augsburg bis ins Werdenfelser Land – sammelt das Netzwerk jedes Jahr zur Erntezeit mehrmals Äpfel. Für 100 Kilo kriegen die Lieferanten 20 Euro. Das Obst darf nicht mit chemischen Pflanzenschutzmitteln behandelt oder mit Klärschlamm gedüngt worden sein und keine Faulstellen haben. Das regionale Konzept eines der beliebtesten „Unser Land“-Produkte wird trotz des Annahmestopps nicht angetastet, sagt Wagner: „Wir waren in allen Landkreisen. Es werden auch heuer keine Äpfel aus Ebersberg im Fürstenfeldbrucker Saft sein.“ Das macht die Marke aus – dass Tölzer, Miesbacher oder Starnberger in den typischen Genuss ihrer heimischen Apfelsorten kommen. Rund 300 stecken laut Wagner in jeder Flasche.
Heuer steht das Netzwerk aber zu voll im Saft: Schon nach gut der Hälfte der Termine sei das Vierfache der Menge zusammengekommen, die normalerweise für ein Jahr benötigt wird. Mehr als deutlich wurde das dieser Tage auf dem Hof der Familie Schlemmer in Adelshofen, der heuer als Abgabestelle für das Fürstenfeldbrucker Land fungierte: Fast zwei Dutzend Autos standen in einer langen Schlange bis zur Scheune. Einige waren bis unters Dach mit Äpfeln gefüllt, andere brachten das Obst gleich in einem Anhänger.
Neben Fürstenfeldbruck musste „Unser Land“ die Sammlungen auch in den Regionen Augsburg, Dachau, Ebersberg, Landsberg, Starnberg, Werdenfels und Weilheim stoppen. Geschäftsführer Steffen Wilhelm begründet die Maßnahme: „Unsere Ressourcen sind absolut erschöpft. Schon bei der jetzigen Menge stehen wir vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Mehr könnten wir einfach nicht verarbeiten und auch nicht vermarkten.“ Gekeltert wird der „Unser Land“-Saft zentral in Kleinkitzighofen im schwäbischen Landkreis Ostallgäu. Dort werde am Anschlag gearbeitet, außerdem könne man gar nicht mehr Äpfel lagern, sagt Sprecherin Wagner. „Das geht logistisch nicht mehr.“ Darüber hinaus bringe die Überproduktion horrende Kosten mit sich: „Wir haben schon jetzt Saft für zwei Jahre und müssen das Flaschenpfand vorfinanzieren.“ Für Wagner ist das ein Problem, das nicht nur ihr Netzwerk, sondern auch andere betrifft.
Bei „Unser Land“ denkt man nun über einen Apfel-Fruchtaufstrich und über weitere alternative Verwertungen nach. Der Saftmarkt sei gesättigt, sagt Wagner. Auf den ersten Blick ist die überreiche Ernte ein Grund zur Freude. „Aber sie sollte uns auch nachdenklich machen“, so Wagner. Die außerordentlich lange Wärmeperiode ließ zwar das Obst prächtig gedeihen, die damit einhergehende Trockenheit hatte allerdings negative Folgen für die Getreideernte. Mit dem Verweis auf die unvorhersehbaren Wetterkapriolen betont Wagner: „Klimaveränderungen sind kein Märchen. Sie finden hier und heute statt. Und sie treffen uns alle.“