Das glücklichste Lebewesen auf der Herreninsel im Chiemsee hat rotgoldenes Fell und hört – meistens – auf den Namen Wulfi. Der Ungarische Vorstehhund ist seit fünf Jahren der Begleiter von Jakob Nein. Sein Revier ist 240 Hektar groß, er teilt es sich mit dem alten Labrador Samuel. Weil der ein bisserl kränkelt, darf Wulfi den ganzen Tag allein mit seinem Herrchen über die Insel fahren. Oft mit dem Radl – dafür haben die Insel-Mitarbeiter eine Sondererlaubnis. Oder an seinem Platz auf der Ladefläche von Jakob Neins Geländewagen. Da wartet er auch geduldig, wenn er einmal nicht mitdarf.
Jakob Nein, 40, schwarzes Haar und hellblaue Augen, zweifacher Papa und glücklich verheiratet, arbeitet meistens draußen. Er ist der Leiter der Abteilung „Garten, Park, Landwirtschaft und Forst“ auf der Herreninsel. Er selber sagt der Einfachheit halber: „Ich bin der Gärtner von Herrenchiemsee.“ Seit 15 Jahren lebt und arbeitet der gebürtige Altöttinger an einem Ort, den jeder Bayer kennt. Herrenchiemsee war vor der Säkularisation ein eigenes Bistum, später wollte es Ludwig II. zu einem zweiten Versailles machen, und vor 50 Jahren wurde hier das Grundgesetz auf den Weg gebracht.
Dem Mann, der für alles Grüne auf der Insel zuständig ist, merkt man seine Bewunderung und seinen Respekt für diesen Ort an. Nicht nur, wenn er über die prächtige Parkanlage unterhalb des Schlosses spricht.
Der Tag des gelernten Landschaftsgärtners beginnt um 7 Uhr mit der Dienstbesprechung, dann teilen sie die Aufgaben auf und besprechen, was ansteht. Einige der Anlagen, für die Jakob Nein zuständig ist, liegen eng beisammen, in der Nähe des alten Augustiner-Chorherrenstifts, wo die Dienstwohnung der Familie untergebracht ist. Daneben die Gärtnerei mit Gewächshäusern, die Brennerei und der kleine Bauhof. Und das Heulager für die Pferde.
Am Vortag haben er und seine Mitarbeiter – 15 sind es insgesamt – das letzte Mal für dieses Jahr Heu gemacht. 50 Hektar Grünland bewirtschaftet seine Abteilung. Dreimal pro Woche wird für die 40 Kutschpferde der Insel „eingegrast“. Weil die Tiere auch im Winter Futter brauchen, hat sich Nein an den Heukran gesetzt. „Das ist ganz schön anstrengend, weil es heiß und staubig ist – aber ich fahr furchtbar gern den Heukran“, sagt er und schüttelt das Grumet – besonders kurzes Heu vom zweiten Schnitt – durch und prüft die Qualität mit Händen und Nase.
Zu den bewirtschafteten Flächen gehören auch die prächtigen Obstgärten mit Apfel-, Birnen-, und Zwetschgenbäumen. „Das meiste Obst kommt in die Schnapsbrennerei“, erklärt Jakob Nein. Um die 400 Liter reinen Schnaps brennen sie pro Jahr, verkauft werden die begehrten Fläschchen von der Herreninsel im Museumsladen – und im Miniaturformat in den Schlössern Neuschwanstein und Linderhof. Gerade haben sie Maische aus dem geernteten Obst angesetzt, die sich jetzt in großen, dunkelgrünen Bottichen langsam verflüssigt.
Die Bayerische Schlösserverwaltung lässt vorwiegend alte Obstsorten anbauen. „Unsere Aufgabe ist es, altes Kulturgut zu erhalten und zu pflegen“, sagt der Gärtner. „Das betrifft nicht nur das Schloss und ist ein Grundsatz der Schlösserverwaltung.“ Während andernorts Landwirte an diesem heißen Sommer verzweifelt sind, „hatten wir ein Wahnsinnsjahr“. Woanders, sagt der Gärtner, sei die Hitze die totale Katastrophe gewesen. „Durch die Nähe zu den Bergen und die Stauung der Wolken überm See hatten wir immer wieder Niederschläge.“ Nur im Schlosspark hätten sie sehr viel gießen müssen – die Blumen brauchen halt mehr Wasser als die Obstbäume.
30 000 selbst gezogene Pflanzen setzen sie jedes Jahr in das große Blumenparterre ein, das unterhalb der Brunnenanlagen liegt. Bei den Farben haben Jakob Nein und seine Mitarbeiter Spielraum, bei der Auswahl der Pflanzen ist die entscheidende Instanz die Hauptstelle der Schlösserverwaltung in Schloss Nymphenburg. „Wir bepflanzen die Anlage nach historischem Vorbild, dafür nutzen wir auch alte Bilder.“ Die Anlage ist „ein Gartendenkmal, das wollen wir nicht verfälschen“.
Ein bisserl Modernisierung darf aber auch auf der Herreninsel sein: Während an diesem Morgen Jakob Neins Mitarbeiter Müll aufklauben und Laub von den Wegen blasen, rollen zwei schwarze Mähroboter über die Grünflächen des Schlossparks. Lange habe es gedauert, bis eine Firma es hinbekommen hat, dass die Roboter die geometrischen Formen perfekt mähen können. Seitdem unterstützen die motorisierten Gärtner das Team. „Dafür gibt’s gute Argumente“, sagt der Gärtner und grinst. „Ludwig II. war ja auch technikbegeistert.“
Jakob Nein begeistert sich auf der Anlage für einen Kabinettbrunnen, den die Göttinnen Flora und Diana zieren – „die Göttin der Gärtner und die Göttin der Jagd“. Nein ist einer von zwei Jagdpächtern auf der Insel, er teilt sich die Pacht mit dem Hufschmied. Er ist gern in den Wäldern der Insel unterwegs, oft in der Früh, manchmal nach Dienstschluss. Der ist um 16 Uhr, Nein ist technischer Beamter. „Wir müssen’s mit dem Dienstschluss genau nehmen, die letzte Lastenfähre legt um 16.15 Uhr ab.“
Die meisten Mitarbeiter pendeln auf die Herreninsel. Einige haben eigene Boote, andere nutzen die Lastenfähre der Schlösserverwaltung, um in die Arbeit zu kommen. Auch Jakob Neins Frau fährt mit der Fähre, wenn sie die Kinder in den Kindergarten bringt. Als sich das Paar kennenlernte, war Nein schon „ein Insulaner“, so nennen sich die Bewohner. „Sie wusste, worauf sie sich einlässt“, sagt er und lacht. Mal eben eine Pizza bestellen oder spontan ins Kino? „Manchmal muss man sich entscheiden, wo die Prioritäten liegen.“
Entschädigt werden die Neins mit einer Wohnung mit fast vier Meter hohen Decken und einem unverschämt schönen Ausblick: auf den See, rüber zur Fraueninsel, in die Berge. Die Wohnung ist für Besucher praktisch nicht zu finden, es gibt keine Klingel und kein Türschild. Ein großes Schild über der Tür, auf dem „Königreich Bayern“ steht, und Kinderspielzeug im Flur verraten, dass hier eine Familie wohnt.
Nein sagt, es sei schön, wenn Menschen auf der Insel sind. „Aber ich genieß’ es auch, wenn die Insel leer ist.“ Aufs Festland fährt er selten, und wenn, dann meistens mit dem Motorboot. Es sei denn, er darf den Finanzminister chauffieren. Er hat extra einen Führerschein gemacht, damit er die „Herrenwörth“ fahren darf. Ein „schöner, alter Dampfer“, Baujahr 1931. Der hat schon den zweiten Austauschmotor, trotzdem sind sie stolz auf das Schiff. „Unter den Finanzministern hat sich rumgesprochen, dass man damit schön auf die Insel kommen kann“, sagt Nein. Vor allem Markus Söder „hat das voll ausgenutzt, es hat aber auch Spaß gemacht, ihn mit dem Schiff in Chieming zu holen“.
Der Familie gefällt es hier, die Tochter (4) sagt: „Ich bin eine Prinzessin, weil ich im Schloss wohne.“ Jakob Nein kann sich gut vorstellen, noch eine Weile hier zu leben. Sein Job, sagt er, macht ihm auch nach 15 Jahren noch Spaß. Wulfi hat also gute Chancen auf ein langes, glückliches Hundeleben auf der Insel.