Der WAAhnsinn

von Redaktion

BAYERN & SEINE GESCHICHTEN – Persönliche Erinnerungen an das unruhige bayerische Jahr 1986

Von Dirk Walter

Protest, Parole, Pamphlet – das Jahr 1986 war für Bayern ein sehr unruhiges. Es war das Jahr der WAA-Proteste. WAA steht für die atomare Wiederaufbereitungsanlage, die damals in Wackersdorf gebaut werden sollte. Dieser Tage ist ein Film in die Kinos gekommen, der die kriegsähnlichen Zustände um den Bauzaun der geplanten Atomfabrik in der Oberpfalz wieder in Erinnerung ruft. Als damaliger Gymnasiast in Bayern wurde man da relativ schnell politisiert – der WAAhnsinn fesselte eine ganze Schüler-Generation.

Doch der Reihe nach: Wackersdorf ist untrennbar mit Franz Josef Strauß verknüpft, der im Dezember 1980 als bayerischer Ministerpräsident eine Art Standortgarantie abgab. Über den Sinn kann man trefflich streiten. Strauß sah es wohl schlicht als Industrieansiedlung an, für ihn war ja, so lautete ein Bonmot jener Tage, eine Atomanlage nicht viel anders als eine Fahrradspeichenfabrik. Bei ihm in der armen Oberpfalz, so erklärte FJS also sinngemäß, könne man eine Atomfabrik ohne Weiteres bauen.

Mit Protest hatte Strauß wohl nicht gerechnet. Ein Fehler. Schon 1981 gründete sich die erste Bürgerinitiative, und als der Bau mit großflächigen Rodungen Ende 1985 begann, wurde Wackersdorf zum Symbol für den „Atomstaat“. Ende März übertraf die Zahl der Demonstranten am Bauzaun erstmals die Zahl von 100 000. Eine martialische Polizeitaktik, die erstmals auf CS-Gas zurückgriff, feuerte die eskalierenden Proteste noch an. CS-Gas war für die Demonstranten „Giftgas“. Für kritische Bürger, aber auch für tausende Autonome aus ganz Deutschland wurde Wackersdorf zum Fanal. Die Autonomen schlugen mit „Mollis“ (Molotowcocktails) und „Zwillen“ (Steinschleudern) zurück. Es ist fast ein Wunder, dass es bei den Protesten direkt keine Toten gab – freilich erlitten zwei Demonstranten tödliche Herz- bzw. Asthmaanfälle, ein Polizist starb bei einem Unfall.

Als politisierender Schüler wäre man in der heißen Phase des Jahres 1986, als es fast jeden Samstag regelrechte Schlachten im Taxöldener Forst gab, nur allzu gerne dabei gewesen. Allein: Die Eltern erlaubten damals einfach nicht, dass ihr Sohn in eine Art Wochenend-Krieg zog. Aus heutiger Sicht muss man ihnen dankbar sein, damals sah das der Abiturient natürlich ganz anders.

Zähneknirschend wurde der Protest nun vor dem Fernseher nachvollzogen und der Vater, manchmal auch der Physiklehrer (CSU-nah, aber eigentlich ganz sympathisch) in hitzige Diskussionen über Sinn und Zweck der Kernspaltung verwickelt. Der damalige Schwandorfer Landrat Hansi Schuirer, ein Atomkraftgegner, war für uns ein Held. Für den bayerischen Innenminister Karl Hillermeier (CSU) – Spitzname: Killermeier – hatten wir nur Verachtung übrig.

Argumentationshilfen holte man sich bei Bedarf aus einer kleinen Münchner Anarcho-Zeitung namens „Spion“, die damals in Münchner Szeneläden wie etwa dem „Substanz“ vertrieben wurde. Zweifellos hatte das natürlich auf Umweltpapier gedruckte Blättchen arge Schlagseite, wurden die blutigen Auseinandersetzungen flott als „Sportberichte aus Wackersdorf“ verklärt. O-Ton einer Reportage von damals:

„Die Polizeibrutalität rief natürlich Gegenreaktionen hervor. Öfters konnten Knüppelvorstöße gestoppt werden, einmal flitzten die Cops fluchtartig zurück, als ein zurückgeworfener CS-Wurfkörper seine Schwaden ausbreitete. (…) Die Uniform eines Mitglieds einer besonders brutalen SEK-Truppe fing Feuer. Ein Festgenommener konnte wieder befreit werden, als die Cops den Kollegen löschen mussten.“

Solche Bilder liefen damals auch im Fernsehen, es war klar, dass besonnene Eltern da arge Bedenken beschlichen, ihren Sohn nach Wackersdorf ziehen zu lassen. Nur einmal gab es eine Ausnahme – als die jeglicher Gewalt gänzlich unverdächtige Evangelische Jugendgruppe in Fürstenfeldbruck zur Protestfahrt einlud. Viel ist von dem Wackersdorfer Wochenende nicht mehr in Erinnerung. Das Ganze muss sehr ruhig abgelaufen sein, Scharmützel zwischen Polizei und Demonstranten gab es an diesem Samstag keine. Man lief an dem eindrucksvollen, Stacheldraht-bewehrten und kilometerlangen Zaun vorbei, echauffierte sich über die Ungerechtigkeit in der Welt und speziell in Wackersdorf. Und fuhr dann wieder heim mit einer gehörigen Portion Zorn auf den „Atomstaat“.

Der überdauerte im Übrigen den Tod des WAA-Anhängers FSJ nicht sehr lange. 1989 wurden die Bauarbeiten eingestellt, nachdem der Energiekonzern Veba (heute Eon) sich für die Atomaufbereitung im französischen La Hague entschieden hatte. In Wackersdorf ist heute ein Gewerbepark.

Artikel 1 von 11