München – Er fotografierte die Revolution in München, lieferte später Bildmaterial für rechtsradikale Zeitschriften und wurde zum Lieblingsfotografen Hitlers, was ihm in der NS-Zeit ein Medienimperium und Millionengewinne einbrachte: Wer sich mit der Münchner Zeitgeschichte beschäftigt, kommt an den Bildern des Fotografen Heinrich Hoffmann (1885–1957) kaum vorbei.
Zur Revolution einschließlich der blutigen Niederschlagung existieren nach Angaben der Fotohistoriker Rudolf Herz und Dirk Halfbrodt etwa 800 Motive. Viele davon wurden auch als Postkarten vertrieben – um die Jahrhundertwende das Massenmedium schlechthin. Viele Münchner kauften Revolutionspostkarten zur Erinnerung an eine unruhige Zeit. Und so kam es, dass man sie stapelweise noch heute beispielsweise auf der Auer Dult finden kann. Auch unser Leser Herbert Metzger aus München hat eines Tages zugegriffen: Er kaufte in den 1990er-Jahren auf dem Flohmarkt in Riem einen ganzen Stoß für 20 oder 25 Mark, so genau weiß er es nicht mehr. 52 Motive aus den letzten Tagen der Revolution. Die meisten stammen von Hoffmann. Wir sehen einmarschierende Soldaten, zerschossene Gebäude, Passanten, die ein erschossenes Pferd zerlegen und gefangene „Spartakisten“, wie man die Revolutionäre abfällig nannte. Eine faszinierende Zeitreise.
In dem Stapel unseres Lesers Metzger gibt es auch einige Fotos anderer Fotografen, etwa vom Atelier „Ilse“, das in der Nordendstraße lag. Die meisten Aufnahmen stammen aber von Hoffmann. Früher als andere hatte er offenbar erkannt, dass sich die Revolution im Bild würde vermarkten lassen. Das Quasi-Monopol erstaunt, denn folgt man dem Münchner Adressbuch von 1918, so gab es in München nicht weniger als 169 gewerbsmäßige Fotografen. Einige annoncierten als königlich-bayerische Hoflieferanten und zeigten damit ihr enges Verhältnis zu den Wittelsbachern. Nur wenige erkannten aber, welches geschichtsträchtige Ereignis sich seit dem 8. November 1918 direkt vor ihrer Haustür abspielte.
Hoffmann indes war fast von Anfang an dabei. Er fotografierte zum Beispiel eine Sitzung des Vollzugsausschusses der Arbeiter- und Soldatenräte in München und Wachkommandos republikanischer Soldaten vor dem Landtag, der damals in der Prannerstraße residierte. Auch zahlreiche Porträtaufnahmen führender Revolutionäre stammen von ihm. Als Bayerns erster Ministerpräsident Kurt Eisner am 21. Februar 1919 von dem Leutnant Graf Arco-Valley ermordet wurde, war Hoffmann schnell zur Stelle – er fotografierte trauernde Menschen an der Stelle, an der Eisner erschossen worden war.
Als dann Ende April 1919 Reichswehr-Verbände und Freikorps die Revolution blutig niederschlugen, wurde Hoffmann rasch zum Fotografen der Gegenrevolution. Er fotografierte jetzt mit Vorliebe Truppenparaden triumphierender Soldaten, die in München gesiegt hatten. Offenbar hoffte der Fotograf, mit den Soldaten ins Geschäft zu kommen. Es gibt Aufnahmen vom Regensburger Freikorps, von württembergischen Einheiten, vom Freikorps Oberland und von dem Werdenfelser Freikorps, das in Tracht aufmarschierte. Ganz besonders interessiert war Hoffmann auch an einer Vermarktung der Münchner Geiselmorde: Am 30. April hatten fanatisierte Mitglieder der revolutionären Roten Armee im Münchner Luitpold-Gymnasium zehn Gefangene regelrecht hingerichtet – darunter zwei Soldaten eines preußischen Husaren-Regiments und mehrere Anhänger der rechtsextremen, sekten-ähnlichen Thule-Gesellschaft. Diese Geisel-Erschießungen lösten im Münchner Bürgertum nachgerade Panik aus – und wurden von den Gegnern der Revolution weidlich zu Propagandazwecken ausgenutzt.
Hoffmann vermarktete das geschickt. So kaufte er offenbar auch die Rechte an einer Postkarte, die Hella von Westarp zeigt – sie war als Sekretärin bei der Thule-Gesellschaft gefangen genommen und gleichfalls hingerichtet worden. Die mondän wirkende Frau wurde jetzt zur Märtyrerin. Diese Postkarte ist ebenso in dem Stapel, den unser Leser Herbert Metzger kaufte, wie Aufnahmen vom Trauerzug, den das 8. preußische Husaren-Regiment in München für seine beiden getöteten Soldaten abhielt.
Solche Aufnahmen fanden sich schon 1919 in Hoffmanns Broschüre „Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde“, die im Textteil die Revolution eindeutig als „Pinselradikalismus“ unreifer Schwabinger Möchtegern-Künstler verspottete. Hoffmann selbst trat schon im April 1920 in die NSDAP ein.
Seit Mitte der 1920er-Jahre fotografierte er Hitler regelmäßig und wurde so zum „Führerfotografen“.