Die Reh-Flüsterin

von Redaktion

Sie ruft – und die Rehe kommen: Birgit Albert aus Peißenberg päppelt seit fünf Jahren verwaiste Rehkitze auf. Längst wieder in Freiheit tauchen die Tiere immer wieder aus dem Wald auf, sobald Albert sie beim Namen ruft. Zwischen der Frau und den Rehen sind Freundschaften entstanden – und die halten ein Rehleben lang.

VON VERONIKA MAHNKOPF

Peißenberg – „Basti! Basti!“ Birgit Alberts Ruf hallt in den Wald hinein. Es ist 9 Uhr früh, ein schöner, sonniger Tag. Die 52-Jährige steht mit einer großen weißen Schüssel voller Karottenschnitzen in den Händen am Rand des Waldes, der an ihr Wohnhaus in Peißenberg (Kreis Weilheim-Schongau) grenzt. Und sie ruft. Plötzlich, ganz vorsichtig, spitzt ein Rehkopf aus dem Dickicht heraus. Basti traut sich – und kommt näher, schnuppert, lässt sich von Albert streicheln. Und macht sich dann zufrieden über die Karotten her.

Schon erstaunlich, dieses Bild. Rehe gelten gemeinhin als sehr scheue Tiere. „So scheu sind sie gar nicht“, sagt Birgit Albert. Entscheidend für dieses bemerkenswerte Band, das zwischen Basti und Albert geknüpft ist, ist aber etwas anderes: Basti hat die Peißenbergerin kennengelernt, da war er gerade einmal zwölf Stunden alt.

Seit 2013 betreibt Albert, die als Heilpraktikerin arbeitet, auf ihrem Grundstück eine Auffangstation für verwaiste Rehkitze. Meistens sind es Jäger, die die winzigen Tierchen zu ihr bringen, nachdem die Mutter sich nicht um sie kümmern kann – weil sie in ein Auto gelaufen und gestorben ist. Die Kitze sind dann extrem geschwächt, haben oft schon Stunden auf ihre Mutter gewartet – vergeblich. Sie kämpfen um ihr Leben. „Der Tierarzt hat schon oft zu mir gesagt: Das stirbt“, berichtet Albert.

So war es auch bei Basti. „Er hatte die Nabelschnur noch dran.“ Die Peißenbergerin war fest entschlossen, das Rehkitz zu retten. Sie fütterte Basti alle zwei Stunden mit Ziegen-Biestmilch – auch nachts. Zusätzlich bekam er Aufbaupräparate. Und siehe da: Basti überlebte, genauso wie alle anderen Kitze, die bisher in Alberts Obhut waren.

Neun hat sie seit 2013 aufgezogen. Alle haben den Weg zurück in die Freiheit geschafft. Denn dorthin sind sie alle wieder gegangen. Das ist immer Alberts Ziel: Die Rehe sollen nicht in Gefangenschaft leben. „Sie gehören raus in den Wald.“ Auch Basti musste irgendwann wieder gehen.

Ein Jahr lang zog Albert den Rehbock in einem extra angelegten Freigehege auf ihrem Grundstück groß, versorgte ihn zunächst mit der Flasche, später mit Wildfutter. Im April dann war der große Tag da: Albert öffnete die Gehegetür – und beobachtete. „Basti schnupperte herum, wurde jeden Tag mutiger“, erinnert sie sich. Und eines Morgens – war er weg. Ein trauriger Moment? „Nein, gar nicht. Das ist ein schönes Gefühl, wenn es wieder ein Reh geschafft hat. Und sie kommen ja wieder“, sagt Albert. Und fügt leise hinzu: „Zumindest eine Zeit lang.“

Von den neun Rehen, die bei Birgit Albert aufgewachsen sind, leben noch drei: Basti, Beni und Feline – die zurzeit jeden Morgen zur Fütterung mit ihrem Kitz bei Albert vorbeischaut. Die anderen? „Ich gehe davon aus, dass sie abgeschossen wurden. Und das macht mich sehr traurig.“ Eigentlich, sagt die 52-Jährige, sei das Wilderei. Denn die Rehe tragen alle ein neonfarbenes Klettband um den Hals und seien so klar als die ihren zu erkennen. „Durch eine schriftliche Erklärung des Jägers gehören sie mir, sobald sie mir gebracht werden.“ Schlimmer noch als die Tatsache, dass die Tiere so enden, findet Albert, dass sich die Jäger dann nicht melden. „Man kann ja mal einen Fehler machen. Aber dann muss man dazu stehen.“ Sie sucht jedes Mal wochenlang, wenn ein Reh plötzlich nicht mehr auftaucht.

Basti ist bisher zum Glück jeden Morgen wiedergekommen. Auch wenn die saftigen Karottenschnitze jetzt im Herbst immer weniger werden und Albert – ganz wie es Rehe brauchen – bald nur noch selbstgemachtes Heu bereithält. Es geht dem Reh ganz offensichtlich nicht nur ums Essen. Während Basti mampft, streicht ihm Birgit Albert zärtlich übers Fell. „Er ist schon mein Liebling“, gesteht sie. Der Rehbock lässt es geschehen – und genießt die Berührungen augenscheinlich auch. Danach strawanzt er noch etwas um sein altes Zuhause, das Gehege, herum. Schließlich schlüpft Basti zurück ins grüne Dickicht. Morgen früh wird er wieder kommen. Punkt 9 Uhr. Um seine Menschen-Freundin zu besuchen.

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