In manchen Städten der Welt mag’s heute noch so sein, im alten Bayern jedenfalls war’s gang und gäbe: Die fleißige Hausfrau (Hausmänner waren damals noch nicht so in Mode) warf Unrat, Schutt, Müll inklusive des Inhaltes des Botschamperls einfach von den oberen Stockwerken ihrer Gemächer herunter auf die Straße. Aus dem Auge, aus dem Sinn – und wenn’s jemanden getroffen hat, war’s umso lustiger!
Was dem kleinen Mann beziehungsweise der kleinen Frau auf Mutter Erde recht ist, ist den gewaltigen Mächten des Himmels nur billig. Tagtäglich prasselt Schutt, der bei der Entstehung der Planeten anfiel, auf unser Heimatgestirn herab. Dass es uns nicht dauernd auf den Kopf fällt, liegt nur daran, dass das meiste davon in der Atmosphäre verglüht oder im Meer beziehungsweise in den Wüsten auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Das meiste, aber nicht alles!
Von katastrophalen Meteoriteneinschlägen ist Bayern zwar seit fünfzehn Millionen Jahren verschont geblieben – damals entstand der weltbekannte Impaktkrater des Nördlinger Rieses –, aber mit kleineren Meteoriten beschenkt uns der Kosmos immer wieder und hat auch die hiesige Kulturgeschichte bereichert. Bayerische Geschichte ist auch geologische Geschichte. Bad Reichenhall und Hallbergmoos verdanken ihren Namen dem Salz – früher Hall genannt –, Bad Kohlgrub der Kohle, Eisenärzt und Arzbach den eisenhaltigen Erzvorkommen in ihrer Nähe. Ob all die Orte namens Goldbach oder Goldach in Bayern tatsächlich jemals claimabsteckende Schatzsucher anlockten, ist mir hingegen unbekannt.
Apropos Goldgrube: In Sauerbrunn bei Bad Tölz machte man aus der Not eine Tugend und gründete auf den säurehaltigen Jodquellen eine Heilanstalt und ließ sich – werbetechnisch nicht ganz ungeschickt – in Bad Heilbrunn umbenennen. Dass Orte nach den Schätzen benannt wurden, die aus der Erde herauskamen, ist also nicht so selten. Dass man Orte aber nach dem benannte, was vom Himmel auf sie herunterfiel, ist dagegen extrem selten. Genauer gesagt kenne ich nur einen solchen Fall.
Schon um das Jahr 1000 nach Christus wird im Dachauer Hinterland ein kleines Dorf mit dem Namen „Machtenstein“ (mhd. machtine stine) urkundlich genannt. Kein Zweifel, ein „mächtiger Stein“ war Namensgeber. Da sich in dem tertiären Hügelland weit und breit keine Felsformation befindet, auch kein steinführender Fluss, vermuteten schon frühe Heimatpfleger, dass ein steinernes Geschoss aus dem Weltall Pate gestanden haben könnte. Allein, es fehlte an Beweismitteln!
Erst ab 1956 kam langsam Licht in die Sache: Ein junger Landwirt fand auf seinem Acker einen fast eineinhalb Kilo schweren Stein, nahm ihn mit nach Hause, versuchte mit Forscherdrang, ein wenig davon abzusägen, warf schließlich den Brocken auf einen Schutthaufen und vergaß ihn. Erst 2014 wurde der Stein wiederentdeckt und von der Mineralogischen Staatssammlung München eindeutig als Meteorit, genauer gesagt als Chondrit vom Typ H5, identifiziert.
War dieses Himmelsgeschoss schon im Mittelalter Namensgeber für den Ort Machtenstein? Oder einer seiner Begleiter oder Vorfahren? Fragen über Fragen, aber das macht die Archäologie ja so interessant. Nur eins ist klar: Ein Machtenstein gibt’s in Bayern nur einmal – und einen Meteoriten als Taufpaten (vielleicht) auch!