Starnberg – Dann mach ich es halt selbst: Dieser Gedanke zieht sich durch Claudia Ruthners Engagement. Das Jahr 2017, es sind noch ein paar Monate bis zur Bundestagswahl: Die Frau, die beim Gesundheitsamt in Starnberg arbeitet, weiß nicht, wen sie wählen soll – also wählt sie sich selbst. Ruthner lässt sich als Einzelbewerberin aufstellen – jeder Deutsche ab 18 darf das. 408 Menschen stimmen für sie. „Das war natürlich total aussichtslos“, sagt sie heute. Und es war der symbolische Akt einer Behördenmitarbeiterin, die nichts vom Parteiensystem hält.
Heute, am Welternährungstag, gipfelt ein Projekt, das Ruthner vor drei Jahren ins Rollen brachte – weil sie annahm, es würde niemand sonst tun. Der symbolische Akt diesmal: Sie übergibt über 1,2 Millionen Unterschriften in Brüssel an Sabine Jülicher, EU-Direktorin für Lebensmittelsicherheit. Sie resultieren aus einer Online-Petition, die Ruthner 2015 für Deutschland startete – und der sich Menschen aus Frankreich, Griechenland, Spanien, Belgien, Italien und Großbritannien anschlossen. Die Forderung an die EU: „Verpflichtet Supermärkte, ihr unverkauftes Essen zu spenden.“
313 Kilo genießbare Nahrungsmittel landen in Deutschland im Müll – pro Sekunde. Das berichtet die Umweltorganisation WWF in ihrer Studie „Das große Wegschmeißen“. Obwohl in Europa mehr als 100 Millionen Menschen von Armut bedroht sind, wirft ein Supermarkt im Schnitt 40 Kilo Essen weg – jeden Abend.
In Frankreich gibt es seit 2015 ein gesetzliches Wegwerfverbot. Supermärkte müssen nicht verkaufte Lebensmittel an Tafeln und andere Wohltätigkeitsorganisationen abgeben, kompostieren oder zu Tierfutter verarbeiten lassen. „Als ich davon erfuhr, habe ich mich geärgert, dass es so etwas nicht bei uns gibt“, sagt Ruthner. Ein Wegwerfverbot hatte der Verbraucherzentrale-Chef Klaus Müller 2016 gefordert. Der damalige Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) plädierte für Ge- statt Verbote. Nur vereinzelte Märkte spenden oder verkaufen abgelaufene oder beschädigte Produkte günstiger in separaten Regalen.
Ruthner findet, dass sich die Verschwendung durch die gesamte Produktionskette – von den Herstellern über den Handel bis zum Verbraucher – zieht. „Aber Privathaushalte werden von der Politik als die Bösewichte hingestellt.“ Das kreidet die 53-Jährige zum Beispiel der Kampagne „Zu gut für die Tonne“ des Ernährungsministeriums an. Auf dessen Internetseite findet man eine klare Ansage: Deutschland habe sich dem Ziel der Vereinten Nationen angeschlossen, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Dazu erarbeite man Lösungen und Strategien.
Ein Vorschlag Ruthners: Einfach weniger produzieren. „Die Regale müssen um 20 Uhr doch nicht mehr vollgepackt sein.“ Große Hoffnung, dass die Petition zu einem EU-Gesetz führt, hat sie nicht: „Wir sind ein David gegen viele Goliaths, und die Lebensmittel-Lobbys sind extrem stark.“ Auf die Macht einer Zahl setzt sie trotzdem: „1,2 Millionen Unterschriften kann man nicht mehr ignorieren.“