Vor 200 Jahren war der Starnberger See als Würmsee bekannt, und statt Villen standen vor allem ärmliche Fischerhütten am Ufersaum. Also alles ganz anders als heute. Wie aber kam das, dass der See heute so beliebt ist? Die Entwicklung hat mit einem gewissen Joseph Leoni zu tun – einem Italiener am Starnberger See, dessen Geschichte jetzt erforscht worden ist. Nach Leoni ist der gleichnamige Ortsteil der Gemeinde Berg benannt, der früher auch Leonihausen genannt wurde. Erstmals nachweisbar ist das 1829.
„Leonihausen ist die Keimzelle der bürgerlichen Entdeckung des Starnberger Sees“, schreibt der Autor Christian Lehmann. Sein Buch ist in der schönen Reihe „Vergessenes Bayern“ des Münchner Volk Verlags erschienen (Joseph Leoni. Ein Italiener am Starnberger See, 18 Euro). In der Tat: Joseph Leoni ist weithin vergessen, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass es keine Bilder von ihm gibt – und logischerweise auch keine Statue oder etwas Ähnliches.
Als 18-Jähriger war Leoni 1788 mit seiner Mutter aus Italien, wahrscheinlich Palermo, nach München gekommen und hatte ein Engagement am kurfürstlichen Hoftheater erhalten. Künstlerisch war er wohl eher mäßig begabt – sein „Kunsttalent“ sei „notorisch sehr beschränkt“, notiert die Regierung. Dafür war er aber sehr geschäftstüchtig, was sich 1825 auszahlte, als Leoni nach Ende seiner Jahre als Berufssänger eine zweite Karriere am Würmsee startete.
Autor Lehmann, ein Musikwissenschaftler, hat sein Werk gut durchkomponiert. Er durchschreitet unterhaltsam die Münchner Musik- und Theaterszene an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert und zieht auch die entlegensten Dokumente heran. Leonis Stunde naht, als er die Bekanntschaft mit Franz von Krenner macht. Dieser war ein treuer Theaterabonnent, von Beruf hoher Finanzbeamter unter Bayerns Staatsreformer Nr. 1., Graf Montgelas. Krenner baut sich 1816 direkt am See ein Holzhaus. Joseph Leoni ist hier öfter zu Gast, als Krenner 1819 stirbt, kann er dessen Seegrundstück nach einigen gewagten Finanztransaktionen schließlich 1825 für 2000 Gulden kaufen. Er lässt neben dem Holzhaus ein neues Gebäude hochziehen und beantragt, dort eine Gastwirtschaft einrichten zu dürfen, was am 5. Juli 1825 genehmigt wird.
Dank des unterhaltsames Talents von Leoni strömen bald die Gäste zum See. „Aus den romantisch gruppierten Buchenbäumen und Gebüschen der Villa Leoni rauschten uns fröhliche Lieder, Alpengejodel, Guitarrenklänge, Gelächter und Jauchzen begrüßend entgegen“, heißt es in einer zeitgenössischen Reisebeschreibung. „Die wahre Heiterkeit, das wahre Leben am See, ist nur auf der Villa Leoni zu Hause, dessen bejahrter Besitzer selbst noch jugendlich-fröhlich die Kreise seiner muntern Gäste belebt.“ Als Leoni 1834 stirbt, wird die Gastwirtschaft von seiner Ehefrau weitergeführt. Und als dann 1854 die Eisenbahn München mit Starnberg verbindet, ist der Ausflugsort Leoni endgültig etabliert. DIRK WALTER