München – Es war ein Moment, der haften bleibt. Drei Wochen liegt er zurück. Erste Sitzung der Freien Wähler nach der Landtagswahl. Es herrscht Aufregung wie am ersten Schultag. Hubert Aiwanger platzt fast vor Stolz. Erstmals dürfen die Freien Wähler mitregieren. Der niederbayerische Landwirt Aiwanger redet und redet. Neben ihm steht ein Herr, wippt auf den Zehenspitzen und schweigt: Michael Piazolo, 59, Professor für europäische Studien an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Als er das Wort ergreifen will, fährt ihm Aiwanger über den Mund. Lieber sollen die Journalisten ihre Fragen stellen. Piazolo wird während der ganzen Veranstaltung nichts sagen. So lief das bei den Freien Wählern in diesen turbulenten Tagen seit der Wahl. Doch man sollte nicht unterschätzen, wen die Partei da neben dem lauten Aiwanger in die Koalition schickt: Der designierte neue Kultusminister Michael Piazolo ist so etwas wie der Gegenentwurf zum niederbayerischen Parteichef. Ein leiser Vertreter seiner Zunft, dafür ein sehr beharrlicher – eine Eigenschaft, die ihn für das Amt als Kultusminister prädestiniert. Ein Bildungsbürger, der nicht nur den ländlichen Raum im Blick hat, sondern der einzige Freie-Wähler-Abgeordnete aus der Landeshauptstadt ist. Auch wenn er nicht so bekannt ist wie Aiwanger, der ledige und kinderlose Jurist gehört ebenso zum Urgestein der Partei. Seit 2001 ist er Mitglied, damals waren die Freien Wähler noch nicht einmal im Landtag. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Piazolo damals nach einem Vortrag zur direkten Demokratie dazustieß. Volksentscheide oder Bürgerbegehren anzustoßen, ist so etwas wie Piazolos Leidenschaft: Beim Münchner Bürgerentscheid gegen die dritte Startbahn war er ebenso aktiv wie beim (gescheiterten) G9-Volksbegehren. Sein Meisterstück war wohl das Begehren gegen die Studiengebühren, die 2013 kippten. Lokal steht aktuell ein Begehren gegen Nachverdichtung in München an, dass er nicht auch gegen das Insektensterben mit Unterschriften zu Felde zieht, wundert fast.
13 Schulminister gab es seit 1945 in Bayern, 13 stellte die CSU. Im Kultusministerium vor dem Ministerbüro hängen mit einer Ausnahme (Theodor Maunz, der nachträglich als Nazi enttarnt wurde) alle Porträts – der berühmt-berüchtigte Alois Hundhammer zum Beispiel, Ludwig Huber, Monika Hohlmeier, Ludwig Spaenle, natürlich auch die wohl prägendsten Personen im Amt, Hans Maier und Hans Zehetmair. Und jetzt soll da erstmals ein Freier Wähler hin? Ein „Traditionsbruch“ sei das, sagt der ehemalige Chef des Realschullehrerverbands, Peter Peltzer, der die Bildungspolitik seit bald 40 Jahren verfolgt. „Ein Fehler“ nennt es der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Hans-Peter Meidinger, der gegen Piazolo inhaltlich nichts einzuwenden hat. Aber: „Die CSU verliert wieder ein Stück ihres Markenkerns.“ Im Kultusministerium ist die Überraschung gewaltig, ja, es herrscht Fassungslosigkeit. Vorgänger Bernd Sibler, selbst erst seit Frühjahr im Amt, ist außerordentlich beliebt, das Bedauern über seine Abberufung enorm. Der Neue muss sich jedoch nicht auf Widerstand einstellen. „Piazolo gilt als ruhig und kooperativ“, sagt ein Insider. Da dürfte ihm zupasskommen, dass die Passagen im Koalitionsvertrag zur Bildungspolitik wenig Anlass für aggressive Kampfrhetorik bieten. Kontinuität – das ist der erste Begriff, der den Experten der Lehrerverbände hier einfällt. Am differenzierten Schulwesen hält Schwarz-Orange ebenso fest wie am G9, wo Piazolo jetzt seine Vorstellungen zur gymnasialen Oberstufe einbringen kann. Gespannt darf man sein, ob er sich mit seiner Forderung nach Wiedereinführung der alten Leistungskurse durchsetzen kann. Aber Wahlversprechungen sind das eine, die Umsetzung steht oft auf einem anderen Blatt: Vor der Wahl hatte Piazolo unter dem Slogan „A13 für alle“ die Gleichstellung der Grund- und Mittelschullehrer mit den Kollegen der anderen Schularten gefordert. Die Lehrer hat sich die neue Koalition aber durch ein anderes, kostspieligeres Geschenk gewogen gestimmt, das allen Neu-Beamten und damit auch den Junglehrern zufällt: Die erste Altersstufe soll in allen Besoldungsgruppen wegfallen. Das macht für einen frisch verbeamteten Gymnasial- oder Realschullehrer immerhin 182 Euro brutto aus. MIKE SCHIER/DIRK WALTER