München – Die Geschichte von Kurt Eisner endet am 21. Februar 1919. Da erschießt ihn der nationalistische Offizier Graf Arco-Valley in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße in München. Eisner kam aus dem Außenministerium, er war auf dem Weg zum Landtag in der Prannerstraße, wo er seinen Rücktritt verkünden wollte. Dem Mann, der Geschichte schrieb, blieben nur zweieinhalb Monate Zeit, sein politisches Programm zu verwirklichen.
Mit Eisners Tod endet die erste Etappe der Revolution. Doch für die Familie ging die Geschichte weiter. „Vor allem für unsere Großmutter war es ziemlich schwierig“, sagt Gerhard Eisner, 75. „Sie musste allein fünf Kinder durchbringen.“ Mit einer Art Volksküche und dem Vermieten von Zimmern in ihrer Wohnung hielt sie sich über Wasser. „Es ging ihr teilweise sehr, sehr schlecht.“
Gerhard Eisner ist mit seiner Frau aus Walldürn in Baden-Württemberg angereist. Am Vormittag war er am Grab seines Großvaters, jetzt setzt er sich auf einen Plastikstuhl am Rand der Rathausgalerie am Marienplatz. Dort wird gerade eine Ausstellung eröffnet: Eisner-Porträts in Hülle und Fülle. Manches ist bunt, schrill, auch ein bisschen kitschig – doch Gerhard Eisner ist froh, dass sein Großvater an prominenter Stelle so gewürdigt wird. Zum offiziellen Staatsakt für das Freistaats-Jubiläum waren die Eisners nicht eingeladen. „Wir sind der Regierung immer noch unangenehm“, vermutet Gerhard Eisner.
Dabei ist das gar nicht notwendig. Die Eisners sind – anders als ihr Großvater – keine Sozialisten und auch gar nicht politisch aktiv. „Ich war mal in der SPD, aber das ist lange her“, sagt Gerhard Eisner. Schon in den 1960er-Jahren trat er wegen der Haltung der Partei zur Wiederbewaffnung aus. Der technische Kaufmann war auch mal Betriebsratsvorsitzender bei Neckermann, eckte bei Vorgesetzten an. Und er bezeichnet sich, so wie sein Opa, als freireligiös. „Ich zahle einen Mitgliedsbeitrag an den Verband der Humanisten.“ Das war’s dann aber auch schon mit dem Engagement.
In erster Ehe, die 1892 geschlossen wurde, war Kurt Eisner mit Lisbeth verheiratet, daraus gingen sieben Kinder hervor. Ein Zwillingspaar starb früh. In ärmlichen Verhältnissen wuchsen in Nürnberg, wo Kurt Eisner eine Stelle bei der SPD-Zeitung „Fränkische Tagespost“ hatte, die Geschwister Reinhard, Ilse, Hilde, Eva und Hans Kurt auf. Reinhard war der älteste Sohn, er ist der Vater von vier Kindern, von denen drei zur Vernissage der Kunstausstellung kamen: Neben Gerhard (75) sind das Kurt (78) und Gerda (88), beide aus Nürnberg. Die Vierte, Schwester Ruth, lebt in den USA.
„Unser Vater hat über Großvater nicht gern gesprochen“, erinnert sich Gerhard Eisner. „Da herrschte ziemliches Schweigen.“ Vielleicht, weil ein Bruder des Vaters, Hans Kurt, ein politisch aktiver Fotograf, nach langjähriger Haft 1942 im KZ Buchenwald ermordet worden war. Vielleicht auch, weil der Name Eisner in der frühen Bundesrepublik in keinem hohen Ansehen stand. Manchmal erreichten die Familie Schmähbriefe. In der Schule „hat mich der Lehrer ziemlich oft verschlagen“, erzählt Gerhard Eisner, öfter als andere und immer mit dem Rohrstock. Irgendwann stellte sein Vater den Rektor zur Rede – und da kam raus, dass in der Schule der politische Hintergrund der Familie bekannt war.
Es gibt noch eine zweite Familienlinie: Denn Kurt Eisner trennte sich von seiner Frau, gründete 1907 mit seiner Sekretärin Elise „Else“, genannt Belli, eine neue Familie. Daraus gingen zwei weitere Kinder hervor – Ruth und Freia – sowie mehrere Enkelkinder: Die inzwischen verstorbene Freya, in der Familie wegen ihres Vornamensbestandteils (und in Abgrenzung zu ihrer Tante) auch als „das Ypsilon“ bekannt, setzte ihrem Großvater mit einem Suhrkamp-Taschenbuch ein literarisches Denkmal.
„Wir sind also eine große Sippe.“ Gerhard Eisner lacht. „Wenn man von Ururgroßvater von Kurt Eisner ausgeht, so gibt es auch einen Abzweig im Stammbaum, der bis zu Alexander Fleming führt, dem Entdecker des Penicillins.“ Das führt jetzt aber zu weit, sagt Gerhard Eisner.