Vertrieben nach Bayern

von Redaktion

Die Flucht nach 1945 als Thema im Schulunterricht

Flüchtlinge, Migranten, Vertriebene – der UN-Migrationspakt bietet dieser schier nie endenden Diskussion wieder neue Nahrung. Deutschland war seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder Zielland ganz unterschiedlicher Fluchtbewegungen. Die erste, die Ankunft und Integration der Vertriebenen aus den Ostgebieten, war bis heute die mächtigste. Das Thema ist heikel – bis heute. Viele Vertriebene ärgern sich, wenn sie mit den Flüchtlingen verglichen werden. Die Aufbauleistungen und der Integrationswille sind ja auch ganz anders zu bewerten. Aber vergleichen heißt ja auch nicht gleichsetzen.

Derzeit gibt es im Schulmuseum Lohr am Main, dessen Leiter Eduard Stenger immer wieder originelle Fundstücke „ausgräbt“, eine kleine Ausstellung zur Vertreibung ab 1945. Stenger hat ein Schulwand-Schaubild aus dem Jahr 1955 aufgetrieben, das in mehrfacher Hinsicht aussagekräftig ist.

Schulwandbilder gibt es heute – im Zeitalter von Beamer und Dokumentenkamera – im Unterricht nicht mehr. Auf damalige Schüler muss das Riesen-Plakat möglicherweise verstörend gewirkt haben. Es suggeriert eine regelrechte Invasion und präsentiert das Thema Vertreibung vor allem als zahlenmäßige Bilanz. So würde man das heute nicht mehr machen. Dass die Vertriebenen – hier statt nach Volksgruppen nach „Reichsdeutsche, Volksdeutsche, Auslandsdeutsche“ unterschieden – vor allem als Problem dargestellt werden, zeigt das Kleingedruckte rechts im Schaubild. So heißt es zum Thema Ernährung: „Die Bundesrepublik und West-Berlin verloren mit den Gebieten östlich Oder/Neiße einen Nahrungszuschuss für etwa 5 800 000 Menschen.“ Infolge der Aufnahme der Heimatvertriebenen müsse gegenüber 1939 mehr Nahrung beschafft werden für 17 Millionen Personen. Bei den Wohnungen berechnet das Schaubild einen „Fehlbetrag infolge Aufnahme der Heimatvertriebenen und Zugewanderten“ von 2,8 Millionen. Noch etwas fällt auf im Schaubild: Oben versinkt ein Schiff. Ist damit vielleicht die „Wilhelm Gustloff“ gemeint, die im Januar 1945 durch einen sowjetischen Torpedo getroffen wurde?

Auffällig ist, dass das Schaubild mit überhöhten Zahlen operiert. Nach heutigem Stand der Forschung kamen von insgesamt zwölf Millionen Vertriebenen bis 1950 knapp zwei Millionen nach Bayern. Über vier Millionen schafften es nur in die sowjetische Besatzungszone, also die spätere DDR. Bis zu zwei Millionen starben an den Strapazen der Flucht oder wurden gezielt ermordet. Auf dem Schaubild sind es 3,5 Millionen Tote.

Worüber das Schaubild gar nichts aussagt: die nahezu generalstabsmäßige Verteilung und im Ganzen gelungene Integration der Vertriebenenwelle. Sie erstaunt noch heute. Allein 764 Transporte mit 777 000 Ausgewiesenen aus der Tschechoslowakei kamen 1946 in einem der sechs Grenzdurchgangslager (unter anderem Furth im Wald und Piding) an und wurden in einzelne Regionen weitergeschickt. In jedem Landkreis gab es Flüchtlingskommissare, die für die Wohnungsbelegung zuständig waren. Flüchtlinge gründeten ganze Städte (Neugablonz), bewahrten aber ihre eigene Subkultur mit Heimatvereinen und den bekannten Landsmannschaften.

Anders, als vielleicht bekannt, ist die Vertreibung auch Thema im heutigen Geschichtsunterricht. Im Lehrplan Geschichte, Gymnasium 9. Klasse, gibt es den Abschnitt 9.3 „Blockbildung, deutsche Teilung und Ost-West-Konflikt bis in die 1960er-Jahre“. In 14 Stunden sollen die Schüler Besatzungsherrschaft und staatlichen Neubeginn am Beispiel Bayern, ferner Ost-West-Konflikt, Bildung der DDR, den Nürnberger Prozess sowie Flucht und Vertreibung sowie Integration der Sudetendeutschen und Schlesier in Bayern durchnehmen. In der 10. Klasse ist die Vertreibung Thema eines (von mehreren möglichen) „Projekten“ – aber kein Pflichtstoff.

Vergleiche mit den Flüchtlingen seit 2015 fehlen übrigens – kein Wunder, schließlich stammt das aktuell im G8 verwendete Schulbuch „Forum Geschichte“ aus dem Jahr 2008. Man kann nur hoffen, dass sich das im neuen G9 ändert. DIRK WALTER

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