München – Seit Mai 2015 war der 36-jährige Hilfspfleger zu 24-Stunden-Betreuungen, also rund um die Uhr, in Deutschland unterwegs – und er führte ein sehr ungeregeltes Leben. 68 Aufenthaltsorte haben die Ermittlungen für den Polen nachgewiesen. Als er schließlich diesen Februar verhaftet wurde, war von einem „Todespfleger“ die Rede – ein Verdacht, der sich mittlerweile erhärtet hat. Gestern gab die ermittelnde Staatsanwaltschaft bekannt, dass gegen W. ein erweiterter Haftbefehl vorliegt, und zog Zwischenbilanz.
Drei Morde soll der Hilfspfleger begangen haben. Bei den Toten aus Bayern handelt es sich um einen 77-Jährigen aus dem Landkreis Erlangen-Höchstadt, um einen 84-Jährigen aus dem Landkreis Kitzingen und um einen 87-Jährigen aus Ottobrunn (Kreis München). Dem selbst an Diabetes erkrankten Hilfspfleger wurde im Januar 2017 Insulin verschrieben. Mit einem sogenannten Insulin-Pen spritzte er seit April 2017 auch zwölf betreuten Senioren das Medikament, obwohl sie es nicht brauchten. In den sechs Fällen war es eine tödliche Dosis. Der Beschuldigte gestand die Taten, bestritt aber eine Tötungsabsicht.
Das Motiv ist komplex: Meist habe W. nach kurzer Zeit festgestellt, dass ihm der Arbeitsplatz „nicht so liegt“, sagte Oberstaatsanwältin Anne Leiding. Die Gründe dafür seien unterschiedlich: zu häufiger Besuch, fehlendes W-Lan oder Essen, das ihm nicht schmeckte. Im Falle einer Kündigung hätte er jedoch teilweise mit vertraglichen Strafen rechnen müssen. Um diesen zu entgehen, habe W. das Insulin verabreicht, so die Ermittler. So mussten die Patienten ins Krankenhaus gebracht werden – und er konnte von einem außerordentlichen Kündigungsrecht Gebrauch machen. „Nach unserem Stand der Ermittlungen nahm er den Tod der Betreuten durchaus billigend in Kauf“, sagte Josef Wimmer von der Münchner Mordkommission.
Raus kam alles durch den mutmaßlichen Insulin-Mord an einem 87-Jährigen in Ottobrunn im Februar. Daher wurde an allen Einsatzorten des Hilfspflegers nachgeforscht. So konnte auch eine Vielzahl von Diebstählen nachgewiesen werden. Die Ermittlungen dauern an.