An einem trüben Novembertage des Jahres 1768, also vor nunmehr 250 Jahren, ging für die Leute des Dorfes Mauerkirchen südlich von Braunau mal kurz die Welt unter. Ein Augenzeuge berichtete: „Den 20ten November dieses Jahrs Abends nach 4 Uhr bey einem gegen Occident merklich verfinsterten Himmel hörten zu Maurkirchen verschiedene ehrliche Leute, welche darüber eidlich vernommen worden, ein ungewöhnliches Brausen und gewaltiges Krachen in der Luft, gleich einem Donner und Schießen mit Stucken.“ Und weiter heißt es: „Unter diesem Luftgetümmel fiel ein Stein aus der Luft in des Georg Bart, Söldners, Feld herab.“
Wumms – der „38 Baierische Pfund“ schwere Stein schlug in den Acker ein gewaltiges Loch – 2 1/2 Schuh oder umgerechnet 75 Zentimeter tief. Der Meteorit von Mauerkirchen, das damals zu Bayern gehörte (erst elf Jahre später kam der Weiler zu Oberösterreich), ist bis heute eine wissenschaftliche Sensation. Eine Bauersfrau soll das wunderliche Ding, nach heutigem Maß 21,3 Kilo schwer, ausgegraben haben. Das kurbaierische Landgericht soll verfügt haben, dass der Stein in die Akademie der Wissenschaften eingeschickt wird. Durch Vergleich alter Flurnamen nimmt man heute an, dass sich die Einschlagstelle 1,75 Kilometer nördlich von Mauerkirchen befindet. Weiter heißt es zu dem Stein in dem nicht namentlich gezeichneten Bericht, der heute in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt ist: „Er ist von einer so weichen Materie, daß er mit Fingern sich zerreiben läßt.“
Dass es sich um einen sogenannten L6-Chondrit, also einen Meteoriten mit einem relativ geringen Eisengehalt handelte, konnte damals niemand wissen. Die Meteoritenforschung war zu der Zeit noch keine Wissenschaft. Der anonyme Verfasser nahm an, dass der Stein „mithin … in der Luft zusammengesetzt“ worden sei, aus Staubpartikeln. Er mutmaßte: „Vielleicht wächst der Stein im Fallen, wie man es bey dem Hagel und den Schneeflocken wahrnimmt“ und schloss mit der gewagten These: „Ich hoffe, sattsam erwiesen zu haben, … daß im Himmel Steine können gezeuget werden“.
Nein, so war es nicht, wie man heute weiß.
Das bahnbrechende Werk über den kosmischen Ursprung solcher „Steine“ erschien erst 26 Jahre nach dem Mauerkirchener Fund. 1794 veröffentlichte der Physiker Ernst Flores Friedrich Chladni sein Werk über den kosmischen Ursprung der Meteoriten. Er selbst konnte den Meteoriten im Naturalienkabinett der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1798 sehen und nahm ihn in sein „Chronologisches Verzeichniss der mit einem Feuermeteor niedergefallenen Stein- und Eisenmassen“ von 1803 auf. Er selbst sicherte sich auch ein Stück – 54,5 Gramm schwer.
Heute weiß man, dass der Meteorit vor ungefähr 467 Millionen Jahren entstand, als der Mutterkörper der L-Chondrite bei einer Kollision mit einem anderen Himmelskörper zerschellte und das Sonnensystem von einem regelrechten Meteoritenhagel erfasst wurde.
Kürzlich wurde der Meteorit bei den Münchner Mineralientagen auf der Messe München ausgestellt – besser gesagt: die zwei größten Bruchstücke. Denn der Stein ist mittlerweile in mindestens 79 Einzelteile zerschlagen. Das größte Bruchstück, knapp sieben Kilo schwer, ist normalerweise in der Mineralogischen Staatssammlung München ausgestellt, das zweitgrößte Stück (1,5 Kilo) gehört dem geowissenschaftlichen Museum der Universität Göttingen. Etliche Museen in aller Welt haben teils nur einige Gramm schwere Teilchen: London, Brüssel, Washington, Odessa, ja selbst in Tokio liegt ein 6,3 Gramm schweres Teilchen. Das Stück des Physikers Chladni ist auch erhalten – es befindet sich heute im Mineralogischen Museum Berlin.
Die beiden österreichischen Meteoritenforscher Herbert Raab und Erich Reiter haben ausgerechnet, dass alle 79 Bruchstücke zusammengerechnet 12,47 Kilogramm wiegen. Das heißt, über 40 Prozent der ursprünglichen Meteoritenmasse fehlen. Die Erklärung: Etliche Stücke sind in den Wirren von Kriegen oder Unruhen untergegangen – etwa während des Zweiten Weltkriegs oder beim Ungarn-Aufstand 1956, als das Naturwissenschaftliche Museum in Budapest ausbrannte. Ein Jammer. DIRK WALTER