MASSGESCHNEIDERT

Geständnisse eines Rentners

von Redaktion

Der Maßschneider ist schon seit geraumer Zeit Rentner. Soll er da Gott sei Dank oder eher leider verlautbaren? Jedenfalls wäre ihm Pensionist lieber gewesen, weil diese einst beamteten Damen und Herrn finanziell besser abgesichert sind. Einen Zweitsitz auf Mallorca kann er sich jedenfalls nicht leisten, einen Biergartentisch samt Radi, Bratensulz und einer frischen Mass schon, wenn auch nicht tagtäglich, was die Witterung ohnehin nicht zuließe.

Natürlich sehnt er sich manchmal nach den alten Zeiten zurück, als er noch regelmäßig auf dem Rennrad durchs Land geflitzt war, auf Tennisplätzen einem Rafael Nadal nachgeeifert, im Winter auf Pisten und Loipen seine Spuren hinterlassen hatte. Nun verstauben seine Sportgeräte im Keller. Alles hat eben seine Zeit und so ist halt das Leben, oder, wie der Franzose sagt: C‘est la Vie.

Nachdem ein Oberschenkelbruch seinen Hobbys eine lange Nase gedreht hat, besteigt er immerhin noch regelmäßig seinen Hometrainer, um sich den Frust, zum alten Eisen zu gehören, von der Seele zu strampeln. Auch von seinem fahrbaren Untersatz hat er sich verabschiedet, weil seine Äuglein nicht mehr verkehrstauglich sind.

Natürlich hat man mehr Freiheiten als im Berufsleben: Aufstehen nach Gusto, die Sonne genießen, wenn sie scheint, weniger beruflichen Zwängen, weniger Stress ausgesetzt. Aber wo sind die Kolleginnen und Kollegen, mit denen man Jahrzehnte zusammengearbeitet hat, wo der kleine Ratsch in der Betriebskantine, wo das Fräulein Angermeier, das so schnippisch und zugleich so charmant sein konnte?

Ob man als Rentner seine Zeit noch nach Lust und Laune genießen kann, hängt vom gesundheitlichen Zustand und den familiären Umständen ab. Seit einem Jahr ist der Maßschneider nun schon Witwer. Als Vater von drei Kindern hat er immerhin noch Pflichten. Zwei Töchter sind inzwischen in Tirol zu Hause, sein Sohn Peter ist Gitarrist und Bandleader der Stimulators. Obwohl er mit Benesch und seinen Dekreten nichts am Hut hat, zeigt ihm jetzt eine sensible Hilfskraft aus Tschechien, von einer Agentur vermittelt, dass auch über Landesgrenzen hinweg Nachbarschaftshilfe praktiziert werden kann.

Ist er nun verbittert, dass sein Alter so ganz anders verläuft, als er sich das in seinem jugendlichen Leichtsinn vorgestellt hatte? Manchmal wundert er sich selber, wie er gelassen mit dem Rollator umgeht. Du hättest ja das Gras im letzten Krieg schon von unten anschauen können, sagt er sich auch in Erinnerung an jenen Tag, als ihm nur ein schneller Sprung vom Rad in ein Gebüsch vor einem Kleinlaster retten konnte, der unerwartet auf einer abschüssigen Schotterstraße um eine Kurve geschossen kam. Seinem Hobby als Zeilenjongleur kann er immer noch nachgehen. Schon vor Jahrzehnten hatte er einmal gereimt: „Heit stehst im Saft als eitler Prahler, morgn hockst am Bankl als Spitaler…“ Die gute Nachricht zum Schluss: Ein Spital oder ein ähnliches Institut ist ihm bisher trotz seinen x Lenzen erspart geblieben.

An dieser Stelle schreibt unser Turmschreiber

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