Der Irrtum des Universalgenies

von Redaktion

Zum 200. Geburtstag des Hygienikers Max von Pettenkofer

Max von Pettenkofer (1818–1901) war ein Universalgelehrter, wie es sie heute nicht mehr gibt – und wahrscheinlich angesichts des rasant fortgeschrittenen naturwissenschaftlichen Wissens auch nie mehr geben kann. Der berühmte Münchner Gelehrte war eine vielseitige Forscherpersönlichkeit – und er ist zugleich ein Beispiel dafür, dass auch Hochbegabte fürchterlich irren können.

Denn bei der Forschung nach den Ursachen der Cholera verfolgte Pettenkofer lange Zeit die falsche Theorie. Sein Konkurrent Robert Koch (1843–1910) lag hingegen richtig – dass die beiden nicht gerade Freunde waren, deutet auch auf verletzte Eitelkeit hin. „Die spärlichen direkten Begegnungen zwischen Pettenkofer und Koch in den 1880er-Jahren blieben unterkühlt und führten zu keiner Verständigung“, schreibt der Medizinhistoriker Wolfgang G. Locher in einer neuen Biografie (Pustet Verlag). „Gegenseitige Abneigung dominierte und die Atmosphäre zwischen den beiden Lagern blieb gestört.“

Der Historiker hat Pettenkofers Lebens in einer leicht lesbaren Studie gründlich ausgeleuchtet. Pettenkofer war viel mehr als nur Hygieniker, er war Naturwissenschaftler im breitesten Sinne und stritt für die Wissenschaftsfreiheit. Die Unfehlbarkeit des Papstes konnte er folgerichtig nicht anerkennen, weswegen er die katholische Kirche verließ und zu den Altkatholiken übertrat.

Max von Pettenkofer, geboren am 3. Dezember 1818 in einer Einöde namens Lichtenheim bei Neuburg an der Donau, erwies sich schon als Bub begabt und bewies in Experimenten sein Talent. Er verbesserte ein Trennungsverfahren von Gold und Silber, wodurch der natürliche Goldanteil in alten Silbertalern in größerer Reinheit gewonnen werden konnte. Ebenfalls auf der Liste der Erfindungen: ein Herstellungsverfahren für rotes Glas, eine neue Mixtur für Zement und für Zinkdraht sowie ein Regenerationsverfahren für alte Ölgemälde, deren Firnis durch einen Blauschleier getrübt war. Beinahe allerdings wäre Pettenkofer Schauspieler und Sänger geworden. Medizinhistoriker Locher leuchtet diesen bisher kaum bekannten Seitenpfad in Pettenkofers Karriere detailliert aus – es gab 1841 sogar einige Auftritte auf den Bühnen der Theater in Regensburg und Augsburg. Doch nach einem halben Jahr kehrte er nach München zurück und übernahm nach weiteren Studien (Chemie, Pharmazie und Medizin) die Hof- und Leibapotheke seines Onkels in der Residenz. Fast ein halbes Jahrhundert, von 1850 bis 1896, war das sein eigentlicher Beruf.

Bleibenden Ruhm erntete Pettenkofer aber als Hygieniker. Locher nennt ihn eine „Pioniergestalt“. Seine Anstöße zum Aufbau einer modernen Gesundheitsvorsorge, zur Verbesserung von Ernährung und Hygiene sind kaum zu überblicken. Berühmt wurde sein Richtungsstreit in der Choleraforschung: Schon 1836/37 erlebte Pettenkofer hautnah den Ausbruch der Cholera in München mit – 915 Menschen starben damals, darunter auch ein Klassenkamerad. Heute weiß man, dass der Krankheitserreger mit Fäkalien ausgeschieden wird und von Mensch zu Mensch durch verschmutztes Wasser übertragen wird. Der Kommabazillus wurde aber erst 1883 von Koch entdeckt. Pettenkofer folgte lange Zeit der Schule der sogenannten Miasmatiker, die toxische Erddämpfe oder Fauldünste aus dem Boden für die Cholera verantwortlich machten. Nicht eine Ansteckung von Mensch zu Mensch war demnach die Hauptursache für die rasche Verbreitung der häufig tödlichen Krankheit, sondern schlicht unzulängliche hygienische Örtlichkeiten.

Als Pettenkofer 1855 bei einem erneuten Ausbruch der Cholera in München selbst erkrankte, fühlte er sich herausgefordert und forcierte seine Forschungen. In Abhandlungen baute er die Miasma-Theorie aus. Er selbst war maßgeblich verantwortlich für den Aufbau einer sauberen Trinkwasserversorgung für München aus dem Mangfalltal – 1883 konnten so täglich 56 000 Kubikmeter aus dem Voralpenland geliefert werden.

Auch als 1892 die große Cholera-Epidemie im Hamburg ausbrach – sie forderte 8600 Tote –, hielt Pettenkofer indes an der Miasma-Theorie fest. Fatalerweise schenkten die Verantwortlichen in der Hansestadt Pettenkofer lange Glauben, zumal die von Koch favorisierten Maßnahmen wie strikte Quarantäne und Sperrung des Hafenverkehrs die Wirtschaft geschädigt hätten. Zur Widerlegung der Theorie seines Konkurrenten Koch unternahm Pettenkofer einen spektakulären Selbstversuch: Er schluckte ein Glas Wasser mit einer Kultur von Cholerabazillen – was er mit nur leichten Symptomen schadlos überstand. Für Pettenkofer war danach erwiesen, dass Koch falsch lag. Aber er irrte: Vermutlich, so nimmt sein Biograf an, hatte er einfach eine gute Konstitution. DIRK WALTER

Artikel 1 von 11