Irschenberg – Weil sie ihren Ehemann vermisste, ist eine Frau auf ihrem Bauernhof in Irschenberg im Kreis Miesbach am Sonntagabend auf die Suche gegangen. Sie fand ihren 72-jährigen Gatten leblos im Futtersilo liegend und rief ihre Angehörigen um Hilfe. Ihr Mann hatte offenbar Gärgase eingeatmet und war bewusstlos geworden. Der 30-jährige Lebensgefährte der Tochter stieg schließlich in das Tiefsilo und versuchte seinen Schwiegervater in spe zu retten – doch auch er verlor dabei das Bewusstsein.
Als bei der Feuerwehr der Alarm einging und schon von einem Silo-Unfall die Rede war, wusste Irschenbergs Kommandant Tom Niggl sofort, dass die Zeit drängt. „Da zählt jede Sekunde.“ Schon bei der Anfahrt legten die Feuerwehrmänner die Atemschutzausrüstung an. Sie fanden die beiden Bewusstlosen etwa zwei Meter tief im Silo auf einer Plane liegend vor. Einen weiteren Angehörigen hielten sie gerade noch davon ab, ebenfalls in das Silo zu steigen. Den 30-Jährigen konnte die Feuerwehr noch retten, er kam mit zwei weiteren Angehörigen ins Krankenhaus. Sein Zustand sei stabil, teilte die Polizei gestern mit. Doch für den 72-jährigen Landwirt konnten die Retter nichts mehr tun. Die Polizei geht davon aus, dass er an den Gärgasen erstickt ist. Eine Obduktion soll für Gewissheit sorgen.
Immer wieder kommt es in Futtersilos zu gefährlichen Zwischenfällen. „In den 70er- und 80er-Jahren war es an der Tagesordnung, dass Landwirte die Gärgase eingeatmet haben und bewusstlos wurden“, sagt Stefan Thurner von der Landesanstalt für Landwirtschaft. Die Berufsgenossenschaft reagierte mit einer Aufklärungskampagne. „Wir haben eine Broschüre erstellt, in der auf die Gefahren hingewiesen wird, außerdem werden die Landwirte bei Betriebsbesichtigungen für das Thema sensibilisiert“, sagt Rüdiger Strack von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). „Glücklicherweise gab es in den vergangenen Jahren kaum mehr Zwischenfälle.“ Vor drei Jahren waren in der Schweiz zwei Männer in einem Hochsilo erstickt.
In einem Futtersilo lagern Landwirte durch Milchsäuregärung konserviertes Futtermittel für ihre Tiere. Siliert werden können zum Beispiel Gras, Mais, Klee oder sogar Biertreber. Stefan Thurner erklärt, warum bei Silage-Arbeiten für Landwirte höchste Vorsicht geboten ist: „Beim Silierprozess entsteht Kohlendioxid. Das ist schwerer als Luft und bleibt deshalb am Boden des Silos.“ Das Tückische dabei: Man riecht das Gas nicht. „Wenn man zu viel davon einatmet, schläft man einfach ein und wird bewusstlos“, sagt Thurner.
Landwirten, die in ihr Hoch- oder Tiefsilo steigen müssen, rät Thurner, den Kerzentest zu machen: Dabei wird eine brennende Kerze an einer Schnur ins Silo abgelassen. „Geht sie aus, ist zu wenig Sauerstoff im Silo.“ Dann hilft nur eine ausgiebige Belüftung. Grundsätzlich sollte am Silo immer zu zweit und mit einem Sicherungsseil gearbeitet werden, damit der Helfer seinen Mitstreiter im Notfall nach oben ziehen kann.
Hochsilos seien in Bayern aber ohnehin selten geworden, sagt Thurner. „Die meisten Betriebe nutzen mittlerweile Fahrsilos im Freien.“ Doch auch dort können sich Gärgase unter der Folie sammeln. Hier mahnt die SVLFG ebenfalls zur Vorsicht.