München – Im Februar rückten Bayerns Förster aus ins Holz zur Inventur. Stichprobenartig, aber systematisch untersuchten sie junge Bäume nach Verbissspuren. Ihre gesammelten Daten sind die Grundlage für das Forstliche Gutachten, das alle drei Jahre von der Forstverwaltung erstellt wird. Es soll Antworten liefern, wie es um die Verjüngung in Bayerns Wäldern steht – und wo Reh, Hirsch und Gams zu sehr an den jungen Bäumen gekaut haben und deshalb künftig stärker bejagt werden müssten.
Gestern hat Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) im Agrarausschuss des Landtags die Ergebnisse vorgestellt. Und die Daten zeigen: Der Wildverbiss an jungen Waldbäumen hat leicht zugenommen. Bei den Nadelbäumen von drei auf vier Prozent, bei Laubbäumen von 18 auf 19 Prozent. Etwa bei der Hälfte aller bayerischen Hegegemeinschaften wird der Verbiss als tragbar oder besser eingestuft, in den anderen ist die Verbissbelastung zu hoch (siehe Grafik). Bei rund vier Prozent ist sie sogar deutlich zu hoch, wie zum Beispiel in den Hegegemeinschaften Werdenfels-Süd und Werdenfels-West bei Garmisch-Partenkirchen. Trotzdem sagt Kaniber: „Wir können zufrieden sein, dürfen aber nicht nachlassen.“ Positiv sieht sie vor allem die Langzeitentwicklung: „Der Waldumbau schreitet gut voran.“ Sorgen bereitet ihr aber der Bergwald. Denn dort ist der Verbiss bei der für die Stabilität besonders wichtigen Tanne von 13 auf 21 Prozent angestiegen. „Das ist zu viel“, sagt Kaniber – und fordert eine stärkere Bejagung in rund einem Drittel der bayerischen Hegegemeinschaften.
Den deutlichen Anstieg im Bergwald sehen alle Fraktionen im Ausschuss mit Sorge, zumal diese Wälder auch eine Schutzfunktion für die Bevölkerung vor Lawinen und Erdrutschen erfüllen. Hans Urban von den Grünen fordert, die Hegegemeinschaften in den roten Gebieten mehr in die Pflicht zu nehmen. Zudem plädiert er dafür, die Pachtverträge für Jagdreviere nur mehr für drei Jahre zu vergeben, um auf nicht erfüllte Abschussquoten schneller reagieren zu können. Das findet bei den anderen Fraktionen allerdings wenig Zuspruch. So entgegnet Markus Plenk von der AfD, mit längeren Pachtverträgen könnten die Pächter ihre Gebiete besser einschätzen. Horst Arnold, Fraktionschef der SPD, ist eigentlich gar kein Mitglied mehr im Agrar-Ausschuss. Gekommen ist er trotzdem, um seinen Unmut zu äußern. „Seit 2012 hat sich nichts verbessert. Jede vierte Eiche ist mittlerweile verbissen.“ Der Weg der Freiwilligkeit führe nicht zu Verbesserungen. Seine Fraktionskollegin Martina Fehlner sieht die Umwandlung in klimatolerante Mischwälder gefährdet.
Auch der Bund Naturschutz macht sich für eine intensivere Bejagung stark. „Im Bergwald wird zu wenig geschossen“, sagt Ralf Straußberger, der Wald- und Jagdreferent beim BN. Der Verbiss bei Tanne und Eiche, den Delikatessen für Reh und Hirsch, sei dramatisch. Götz von Rotenhan vom Waldbesitzerverband spricht von einem „Rückschritt“. Er bezweifelt aber, ob die Erhöhung der Abschusszahlen die einzige Lösung ist. „Wir müssen unseren Jägern helfen, damit sie flexibler reagieren können – etwa mit einem moderneren Jagdrecht.“
Der Jagdverband hingegen will die Ergebnisse des Forstgutachtens nicht überbewerten. Die Zunahme liege im Rahmen der dynamischen Entwicklung, sagt Jagdverbandspräsident Jürgen Vocke. Er ist der Meinung, das Gutachten zeichne mitunter ein verzerrtes Bild. In den roten Gebieten Unterfrankens etwa seien die Waldflächen in der Agrarlandschaft so klein, dass der Verbiss dort immer höher sein werde, weil die Rehe außerhalb kaum Nahrung finden. Eine ständige Abschusserhöhung zeige keine Wirkung.