München – Wolfgang Ritters Arbeitstag hat gestern mit einer ordentlichen Portion Wut begonnen. Seinen Kollegen in der Gemeinschaftspraxis Grassl in München ging es ähnlich. Grund für den Ärger ist die Forderung der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Sie möchte, dass die Ärzte ihre Praxen unter der Woche länger und zusätzlich auch am Samstag für Patienten öffnen. „Krankheiten richten sich nicht nach den Lieblingsöffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte“, sagt der GKV-Vizevorstandsvorsitzende Johann-Magnus von Stackelberg. Der Münchner Allgemeinmediziner Wolfgang Ritter sagt: „Mir geht wirklich der Hut hoch, wenn ich solche Sätze höre.“
Ritter arbeitet in einer Praxis, die jeden Tag von 8 bis 20 Uhr geöffnet ist – und das 365 Tage im Jahr. Und trotzdem ärgert er sich maßlos über die Forderung. „So etwas wäre in ländlichen Regionen überhaupt nicht sinnvoll“, sagt er. „Und vor allem suggeriert es, dass die Hausärzte zu wenig arbeiten.“ Die Wochenarbeitszeit eines Hausarztes liegt bei 52 bis 54 Stunden, betont er. „Dazu gehören nicht nur die Sprechzeiten, sondern auch Hausbesuche und die ganze Verwaltungsarbeit.“ Die Forderung bezeichnet er als absolut unsinnig. „Die ärztliche Versorgung ist gut.“ Schon jetzt sei kein Patient gezwungen, bei akuten Beschwerden in die Notaufnahme zu fahren. Die GKV hatte die Überlastung der Notaufnahmen darauf zurückgeführt, dass so viele Praxen nachmittags, abends oder samstags geschlossen seien.
„Wir haben in Bayern längst ein gut funktionierendes System für Notfälle“, sagt auch Elmar Gerhardinger. Er ist Sprecher der niedergelassenen Ärzte im Kreis Erding und betont: „Auch in ländlichen Regionen sind Patienten überall gut versorgt außerhalb der Praxisöffnungszeiten.“
Laut Hausärzteverband gibt es 110 Bereitschaftspraxen, die auch an Wochenenden und Feiertagen geöffnet und für 99 Prozent der Bürger in weniger als 30 Minuten Fahrzeit erreichbar sind. Außerdem gibt es einen Fahrdienst, der von niedergelassenen Ärzten gestellt wird, um Patienten jederzeit auch zu Hause versorgen zu können. Zudem würden die Hausärzte nach einer Untersuchung der kassenärztlichen Bundesvereinigung bereits im Schnitt mehr als 52 Stunden pro Woche arbeiten, betonte Markus Beier, der Vorsitzende des Hausärzteverbands in Bayern. „Viele sind bereits jetzt an ihrer Belastungsgrenze. Uns mangelnde Leistungsbereitschaft zu unterstellen, ist absurd und ein Schlag ins Gesicht.“ Außerdem sei es ein fatales Signal für den Nachwuchs. Diese Polemik schrecke junge Mediziner ab, sich als freiberuflicher Arzt niederzulassen, glaubt Beier.
Zudem sei es ja nicht damit getan, dass die Ärzte mehr arbeiten müssten, erklärt Hausarzt Gerhardinger. „Wir bräuchten dann auch Arzthelferinnen am Wochenende in der Praxis.“ Das würde dauerhaft schwer werden. Der Erdinger arbeitet seit 30 Jahren als niedergelassener Arzt. Aus Erfahrung weiß er: „Die meisten Patienten kommen mit chronischen Erkrankungen – für sie reichen die regulären Öffnungszeiten aus.“ Für alle akuten Fälle gebe es den Bereitschaftsdienst. Dennoch wundert er sich nicht über die Forderung der GKV. „Das reiht sich ein in das Ärzte-Bashing der vergangenen Jahrzehnte.“ Immer wieder würde suggeriert, Hausärzte arbeiten zu wenig. Gerhardinger hat inzwischen eine gewisse Gelassenheit dafür entwickelt. Zu neuesten Forderung sagt er: „Bald ist Weihnachten – da darf man ja Wünsche äußern. Aber sie sollten im Rahmen bleiben.“