Marx will Macht teilen – auch mit Laien

von Redaktion

Kardinal Reinhard Marx kündigt für 2019 eine Reihe von Reformen an. In die Priesterausbildung soll mehr Prävention vor sexuellem Missbrauch einfließen, die Macht in der Kirche besser kontrolliert und verteilt werden. Am Zölibat rüttelt Marx aber nicht.

VON TOBIAS GMACH

München – „Krisen sind Chancen – aber man muss sie auch nutzen“: Dass hinter diesem Satz mehr als eine allgemeine Durchhalteparole steckt, machte der Auftritt von Kardinal Reinhard Marx im Münchner Presseclub deutlich. Seine Botschaft war klar: Es muss sich eine Menge ändern in der katholischen Kirche – aber das sehen intern lange nicht alle so.

Für Anfang 2019 kündigte Marx tiefgehende Reformen an, die er als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz vorantreiben will. Die Sexualmoral – und damit die Haltung zu Themen wie Verhütung oder Homosexualität – müsse grundsätzlich hinterfragt werden. Sorgen machen ihm aber „Kräfte, die meinen, wenn wir keine homosexuellen Priester mehr haben, wäre das ganze Missbrauchsproblem gelöst“. Schwule Geistliche seien in puncto Missbrauch „nicht gefährdeter als andere“. Die Frage sei, ob sie sexuell enthaltsam leben könnten. Der Kardinal will daher die Priesterausbildung in den Fokus rücken. Hier stelle sich eine Grundsatzfrage: „Wie kann Enthaltsamkeit zu Lebensfülle – nicht zu Verschrobenheit – führen?“ Marx machte deutlich, dass er am Zölibat nicht rütteln werde: „Eine Abschaffung wird den Missbrauch nicht stoppen.“

Die Debatte um die sexuellen Übergriffe hatte gestern durch eine Meldung aus den USA neues Futter bekommen: Im Bundesstaat Illinois stehen Vorwürfe gegen fast 700 Priester im Raum. Die Diözesen hatten aber zuvor nur 185 Beschuldigte angezeigt. Eine Kirche, die frei von sexuellem Missbrauch ist, will Marx nicht versprechen: „Das Problem ist nicht hundertprozentig zu lösen – auch nicht mit noch so vielen Maßnahmen.“ Die Ende September veröffentlichte Studie, die die Bischofskonferenz selbst in Auftrag gegeben hatte, bezeichnete er als „seriös, sauber und gut begründet“. Auch wenn sie lange nicht alle Fälle erfasst habe: „Das Dunkelfeld ist offen.“

Marx sorgt sich nicht nur um das „rapide gesunkene öffentliche Ansehen der Bischöfe“, sondern auch wegen der Machtverteilung in der Kirche. Es gebe schon länger Mitbestimmung – zum Beispiel über Pfarrgemeinderäte. „Aber die Leute haben das Gefühl: nicht wirklich. Es entsteht der Eindruck, dass Bischöfe entscheiden und alle anderen gehorchen müssen.“ Die Macht müsse kontrolliert, geteilt und delegiert werden. So sei es selbstverständlich möglich, dass auch ein Laie eine Kurienbehörde leite. Denkbar sei auch ihre Mitwirkung an eigenständigen kirchlichen Strafgerichtshöfen. „Da geht es nicht um die Weihe, sondern um Kompetenz.“

In Marx’ Erzbistum München und Freising sollen die Funktionen des Generalvikars und des Amtschefs zum Jahresende 2019 voneinander getrennt werden (wir berichteten). „Das ist ein revolutionärer Schritt.“ Aber auch andere Bischöfe dächten in diese Richtung. Priester seien von Haus aus keine Verwaltungsfachleute. Generalvikar Peter Beer habe ihm versichert, 80 Prozent seiner Tätigkeit könne auch ein Laie machen. Die neue Führungsposition soll Anfang 2019 für nicht geweihte Frauen und Männer öffentlich ausgeschrieben werden. Um zu betonen, dass dies nicht selbstverständlich ist, merkte Marx an: „Das Denken, ein Laie kann nicht mein Vorgesetzter sein, ist stark verwurzelt.“

Zu Kardinal George Pell, der in Australien des sexuellen Missbrauchs für schuldig befunden wurde und der mit Marx im Kardinalsrat gesessen hatte, hielt sich der Münchner Erzbischof bedeckt. Er habe Pell seit zwei Jahren nicht gesehen. Der 77-Jährige habe keinen Einfluss mehr in Rom. Er war am 12. Dezember aus dem engsten Beraterkreis des Papstes entlassen worden.

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