München – Andreas König ist zufrieden. Der Sicherheitsexperte des Deutschen Skiverbandes (DSV) steht am Feldberg im Schwarzwald und blickt auf die lange Schlange von wartenden Wintersportlern, die sich am Lift einreihen. „Hier stehen 50 bis 60 Leute“, sagt er. „Und ich sehe exakt einen älteren Herrn, der nur eine Mütze und keinen Helm trägt.“
Was König am Telefon schildert, passt zur Einschätzung des DSV und deckt sich mit den Beobachtungen, die Betreiber wie die Bayerische Zugspitzbahn, verantwortlich für die Gebiete Garmisch-Classic, Zugspitze und Wank, machen: Die meisten Ski- und Snowboardfahrer tragen heute Helme. Schätzte der Experte in einem Interview vor fünf Jahren die Zahl der Helmträger auf 70 bis 80 Prozent, sind es heute „etwa 95 bis 98 Prozent“, sagt König. „Bei den Kindern sogar 99 Prozent.“
Vor 30 Jahren waren Skifahrer mit Helm selten – und die Unfallzahlen deutlich höher. Laut des aktuellen Gutachtens der statistischen Auswertungsstelle für Ski-Unfälle (ASU) ist die Zahl der Unfälle mit beteiligten deutschen Skifahrern seit 1980 um 57 Prozent gesunken.
Wenn Skifahrer verunglücken, handelt es sich vor allem um Kollisionen mit anderen Wintersportlern – wie bei dem schweren Skiunfall des damaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus (CDU), bei dem am Neujahrstag vor zehn Jahren eine Frau ums Leben kam. Der Politiker rammte die 41-jährige Slowakin mit 40 Stundenkilometern beim Pistenwechsel. Er trug einen Helm, die Frau nicht. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der folgende Rechtsstreit dauerte viereinhalb Jahre.
„Die Berichterstattung über den Fall Althaus und den schweren Unfall von Michael Schumacher war sicher für viele der Anstoß, einen Helm zu kaufen“, meint König. Gleichzeitig habe sich das Sicherheitsbewusstsein in allen Lebensbereichen verbessert. Im Wintersportbereich heißt das: „Die Leute sind bereit, sich Schutzausrüstung zu kaufen.“
Dabei ist es kein Nachteil, dass die Ausrüstung inzwischen schick und funktional daherkommt. „Die Teile sind tragbar geworden. Das sind nicht mehr riesige Helme, die greislig und schiach sind.“ Helm und Skibrille sind zum Accessoire geworden. Außerdem bietet ein Helm neben Schutz auch Wärme: „Ein Helm hat eine bessere Klimaregulierung als es ein Stirnband oder eine Mütze haben könnte.“ Neben Helmen empfiehlt der DSV den richtigen Augenschutz, weil die Sicht am Berg entscheidend ist. Und Handschuhe: „Die halten nicht nur warm, sondern schützen bei einem Sturz vor Schnittwunden.“
Eine Helmpflicht, wie sie nach dem Althaus-Unfall gefordert wurde und in Ländern wie Italien oder Kroatien zumindest für Kinder bis 15 Jahre besteht, braucht es laut DSV nicht – weil die meisten geschützt auf die Piste gehen. „Wir sind ganz klar für Helme“, sagt Andreas König, „uns ist aber wichtiger, dass die Leute sie aus Überzeugung tragen und nicht, weil es vorgeschrieben ist.“
So sieht es auch Peter Lorenz, Geschäftsführer der Skigebiete Alpen Plus mit Sitz in Rottach-Egern (Kreis Miesbach): „Eine Helmpflicht braucht’s heut nimmer.“ Lorenz ist seit Gründung des Verbunds zuständig für die Gebiete Brauneck-Wegscheid, Sudelfeld, Spitzingsee-Tegernsee und Wallberg. Wenn er sich auf den Pisten umsieht, „tragen gefühlt alle Helme“, sagt er. „Ich sehe sehr wenige, die keinen tragen. Unter der Woche den einen oder anderen Rentner, der sagt: ,Ich hab ja auch das Fahren ohne Gurt überlebt.‘“